Wein anbauen in Nordtirol? Warum nicht, haben sich leidenschaftliche Weintrinker aus dem Tiroler Oberland gedacht und es einfach ausprobiert. Mit Erfolg.

Der Berg als Backofen

TEXT · Rebecca Müller
FOTOS · Verena Kathrein & Jörg Koopmann

Die Trauben des früh reifenden Pinot noir lieben südöstliche Hanglagen auf einer Höhe von 150 und 400 Meter über dem Meeresspiegel. Kalte, aber trockene Winter, ergiebige Regenfälle im Mai und Oktober und ein intensiver Sommer – das ist ihr Klima. All das bietet das Burgund. Aber Tarrenz im Tiroler Gurgltal? Als Edgar Tangl Freunden von seinem Plan erzählte, Pinot noir in seinem Heimatdorf anzubauen, runzelten sie nur die Stirn. Die Gemeinde liegt auf 836 Meter Höhe. Der Juli bringt es als wärmster Monat durchschnittlich auf gerade einmal 17 Grad Celsius, der Jänner ist mit ‒2,6 Grad Celsius der kälteste. Wie sollte das gehen?

Was manche für Spinnerei gehalten haben, ist inzwischen zu Tirols größtem Weinanbaugebiet gereift. Natürlich können Tangl und die sechs weiteren Weinbauern aus Tarrenzder weltberühmten französischen Region keine Konkurrenz machen. Dort erzeugt man rund 180 Millionen Flaschen Wein pro Jahr – auf 24.000 Hektar, einer Fläche, mehr als doppelt so groß wie die Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck. In Tarrenz wachsen die Reben auf drei Hektar Anbaufläche. 2014 hat Tangl 400 Liter Wein gekeltert – 600 bis 700 Flaschen. Doch sein Wein hat sehr eigene Vorzüge, für die er in der Szene längst größte Anerkennung genießt.

Das Abenteuer beginnt
Auf die Idee, in den Tiroler Bergen Wein anzubauen, kam die Familie Tangl 2004. In jenem Jahr ging Tangls Vater, der eine Getränkespedition betrieben und viel mit Wein zu tun gehabt hatte, in Pension. Seine Eltern waren es auch, die den Weinbau in den ersten Jahren vorantrieben. Auch der Sohn stürzte sich derweil ins Abenteuer Wein; besuchte Kurse und Seminare, tauschte sich aus mit Kollegen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich und Südtirol.

In Laimburg, einer Fachschule für Obst-, Wein- und Gartenbau in Südtirol, ließ Edgar Tangl seinen Boden analysieren und besorgte sich die sogenannten Unterlagsreben. Die bildendas Wurzelsystem der Rebstöcke, auf die man später die Reben der Edelrebsorten aufpropft. Über eine spezielle Schnitttechnik werden die Reben bei diesemVerfahren mit der Unterlagsrebe verbunden. Weitere Klone des Originalrebstockswerden wiederum in der Rebschule aufgezogen und im Weingarten eingesetzt.

Der „Qualitätsspinner“
Schnell hatte Edgar Tangl seinen Ruf als „Qualitätsspinner“ weg. Unter anderem, weil er die Hälfteder Trauben im August abzwickt. „Das tut weh“, sagt der Weinbauer, „es verschafft dem Wein aber mehr Aroma und damit mehr Qualität.“ Über drei Jahre wird ein Rebstock zunächst aufgezogen und immer wieder zurückgeschnitten, bevor er eine ertragreiche Anzahl an Beeren liefern kann. Und dann zwickt Tangl also im August auch noch die Hälfte davon ab. Aber das macht eben den gewissen Unterschied.

Tangl ist hauptberuflich im Gesundheitswesen tätig, doch der Weinanbau ist mehr als ein Hobby. In seinem Weingarten stecken jede Menge Zeit, Wissen und Leidenschaft. Er hält sich an den alten Winzerspruch: „Der Weinstock will jeden Tag seinen Winzer sehen.“ In einer Saison, schätzt Tangl, bekommt jeder einzelne seiner 1.000 Rebstöcke zehn Mal Besuch von ihm. Für die Qualität reist er sogar regelmäßig ins Burgund. Von dort holt er jedes Jahr die Barriquefässer persönlich ab, in denen sein Pinot noir lagert.

Mehr als ein Hobby
Von Beginn an wurde für das Weinbaugebiet Tangl kräftig investiert. Der erste Keller, in dem die Oberländer Winzer ihren Wein verarbeiten, ist mit modernster Technik ausgestattet. „Unser Wein wird mit Samthandschuhen angefasst“, sagt Tangl, „von der Pflege im Garten bis zur Lagerung.“ Gelagert wird der Wein in einem zweiten Keller, einem Bunker aus dem Ersten Weltkrieg, der später als Apfelkeller genutzt wurde. Nach zwölf Monaten werden die beiden Weine kombiniert – verheiratet, wie es in der Winzersprache heißt. Dieser Wein geht an eine staatliche Kommission, drei Prüfer verkosten ihn blind. Entspricht er den Kriterien, erteilen sie eine Nummer, und der Hersteller darf sein Etikett mit der rot-weiß-roten Banderole versehen. Den ersten Qualitätswein hat Tangl 2008 gekeltert.

Wenn er einmal in Pension geht, will Tangl seine Gärten ausbauen. Im Moment fehlt ihm dafür die Zeit. Denn leben kann Tangl vom Weinanbau nicht. Auch wenn seine Flaschen jedes Jahr schnell verkauft sind, an Privatkunden und Gastronomie. Für den Weinbauern aus Tarrenz zählen am Ende bei jeder produzierten Flasche Wein zwei Dinge: Qualität und Ehrlichkeit. Erstere solle stetig steigen und Letztere sei unverrückbar, betont Edgar Tangl: „Was das Jahr hergibt, kommt in die Flasche!“

Edgar Tangl in seinem Weingarten bei seinem Haus in Tarrenz. Hier blickt er durch das so genannte Refraktometer, mit dem er in die Traube sticht, um die Oechselgrade ablesen zu können. Sie geben Auskunft über das Mostgewicht, also den unvergorenen Traubensaft, der Reben. 

Organisiert sind die alpinen Winzer im Tiroler Weinbauverband, Edgar Tangl ist der Kassier. Qualität und Ehrlichkeit, diese Devise teilt auch sein Freund, Winzerkollege und Obmann des Tiroler Weinbauverbands, Peter Zoller. Gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth Saumwald baute Zoller im Jahr 2000 die ersten Chardonnay-Reben hinter dem gemeinsamen Haus in Haiming im Tiroler Oberland an. „Einfach weil wir Wein gerne mochten und guten Wein immer mehr schätzten“, erzählen die beiden heute. Wie die Tangls klemmten auch sie sich hinter die Bücher, besuchten Kurse. Peter Zoller schloss zudem eine Ausbildung an der Ruster Weinakademie erfolgreich ab. „Und meine Frau wird die nächste Absolventin sein“, fügt er hinzu. Die erste selbst produzierte Flasche Wein war gut, aber kein Vergleich zu dem, was im Weinbaubetrieb Zoller-Saumwald heute gekeltert wird, stellt das Winzerpaar in der Retrospektive fest. 14 Liter Chardonnay – mehr gaben die 100 Rebstöcke im ersten Jahr nicht her.

Kalkhaltige Böden für feinen Burgunder 
Heute umfasst das Weinbaugebiet Zoller-Saumwald 6.000 Rebstöcke, verteilt auf eineinhalb Hektar und drei Gärten. Die Gärten liegen am Fuße des Tschirgant-Massivs, dessen höchster Punkt 2.370 Meter hoch ist. Peter Zoller nutzt den Tschirgant als riesigen Backofen. Am Fuße des Berges, in der für den Wein wichtigen steilen Hanglage, hat er seine Rebstöcke gepflanzt. „Der Berg wärmt sich am Tag auf und gibt die Wärme am Abend wieder an die Reben ab. Nach den bescheidenen Anfängen im Jahr 2000 durfte das Winzerpaar bald die ersten Erfolge mit ihren edlen Tropfen feiern. „2007 haben wir den ersten ausgezeichneten Qualitätswein gekeltert, der auch der erste Qualitätswein im Oberland war“, erzählt Peter Zoller. Über die Jahre haben Peter Zoller und Elisabeth Saumwald viel dazugelernt und auch hier und da nachgebessert. Etwa 1.000 der heute 6.000 Rebstöcke haben sie im Laufe der Jahre ausgetauscht. „Als wir die ersten Reben wieder aus dem Boden ziehen mussten, wurde uns erst bewusst, wie tief sie wurzeln. Nach knapp drei Jahren waren sie bereits gut drei Meter lang“, erinnert sich Elisabeth Saumwald. Der Boden in Haiming ist kalkhaltig – eine gute Voraussetzung für einen Burgunder.

Hohe Mineralität
Wie Tangl haben auch Zoller und Saumwald den Boden analysieren lassen und ihre Rebsorten auf die Gegebenheiten abgestimmt. Zu diesen zählt etwa die Tatsache, dass der Chardonnay, den sie hauptsächlich anbauen, sowie ihr Müller-Thurgau, Sauvignon blanc, der Blauburgunder und die Rotwein-Cuvée, auf einem Felssturzgebiet gedeihen. „Dadurch hat der Boden auch ein hohes Maß an Mineralität“, erklärt Elisabeth Saumwald und ergänzt: „Auch das mögen unsere Reben, im Gegensatz zu einem fetten Boden.“ Das Winzerpaar hält die Reben eher trocken und bewässert fast gar nicht. So müssen die Wurzeln der Reben tief in den Boden hinein, um sich die Mineralstoffe zu holen, und alles, was der Untergrund zu bieten hat, geht in die Frucht und damit in das Aroma des Weines.

August und September sind die beiden wichtigsten Monate für Tirols Weinbauern. Bis Ende Juli bleiben die Beeren hart, erst dann reifen sie. Geerntet wird später als in Ostösterreich, meistens ganze drei Wochen. So haben die Aromastoffe Zeit, sich in den Beeren einzulagern. Spätestens Ende Oktober, in jedem Fall aber mit bzw. vor dem ersten Frost, werden die Beeren schließlich gelesen und weiterverarbeitet. Der Sommer 2015 versprach einen sehr guten Jahrgang. Verkostet und bestätigt werden kann diese Prognose erst im Herbst 2016, wenn der Wein nach zwölf Monaten Lagerung endlich getrunken werden kann.


Organisierte Einzelkämpfer

Die Gründung des Tiroler Weinbauverbandes im Jahr 2011 war Peter Zoller ein wichtiges Anliegen. Jahrelang hatte er auf Seminaren und Weinreisen durch Europa Erfahrung und Wissen gesammelt. Als immer mehr Leute sich in Tirol an den Weinbau wagten, fand er, es sei an der Zeit, sich zu organisieren. „Davor waren wir alle Einzelkämpfer. Heute haben wir 56 Mitglieder.“ Peter Zoller und Elisabeth Saumwald veranstalten regelmäßig Weingartenführungen und kommentierte Verkostungen. Termine, die in der Regel schnell ausgebucht sind – wie auch ihr Weinkeller schnell von privaten Kunden wie Abnehmern aus der Gastronomie ausgeräumt wird. Knappheit, ist Peter Zoller überzeugt, schafft Begehrlichkeit: „Quantitativ machen wir in Tirol mit insgesamt acht Hektar Anbaugebiet natürlich keine großen Sprünge. Aber allein dadurch haben unsere Produkte etwas Exklusives, und die Nachfrage übersteigt das Angebot.“ Ein Drittel ihrer Ernte wird vorreserviert, und auch die restliche Nachfrage muss reglementiert werden.

Muße und Leidenschaft ‒ das vereint alle Hobbywinzer in Tirol. Als sich das Winzerpaar Zoller-Saumwald vor mittlerweile 15 Jahren dafür entschieden hat, Rebstöcke in Haiming zu pflanzen, wurden sie von vielen Seiten belächelt. Viele taten ihre Idee als Spinnerei ab. Heute sind die beiden nicht nur angesehene Winzer, sondern gelten auch als Pioniere des Weinanbaus in Tirol. „Man muss einfach den Mut haben, es auszuprobieren. Einer muss ja der Erste sein“, meint Zoller schmunzelnd und ergänzt: „Unsere Apfelbauern haben sie am Anfang auch belächelt, und heute ist Haiming das größte Anbaugebiet Tirols!“

Peter Zoller und Elisabeth Saumwald besitzen 6.000 Rebstöcke, verteilt auf drei Gärten in Haiming. Hauptsächlich produzieren sie Chardonnay, aber auch Blauburgunder und eine Rotwein-Cuvée lagern in ihren Fässern.

Etwa 1.000 Rebstöcke stehen in Edgar Tangls Weingarten in Tarrenz. Gemäß dem alten Winzerspruch „Der Weinstock will jeden Tag seinen Winzer sehen“ besucht er jeden Rebstock schätzungsweise zehn Mal pro Saison.

Prominenter Verkoster 

Maximilian J. Riedel, Geschäftsführer von Riedel Glas, hat die Weineder Weingüter Tangl und Zoller-Saumwald verkostet – und ist begeistert.

Drei Weine von den Weingütern Tangl und Zoller- Saumwald wurden bei dem Tasting verkostet. Maximilan J. Riedel: „Ich bin tatsächlich sehr überrascht, dass Nordtirol so fantastische Qualitätsweine zu bieten hat.“

Verkostet wurden die edlen Tiroler Tropfen in Gläsern des renommierten Glasherstellers aus Kufstein.Eine Kooperation ganz im Sinne der Winzer, wie Peter Zoller betont: „Weinkultur ist sehr eng mit Qualität verbunden. Qualitätsweine benötigen, so konnte ich lernen, das richtige Glas, um sich offenbaren zu können; daher ist eine Zusammenarbeit mit Riedel ideal.“

Nordtirol und Wein, diese Verbindung ist auch für Maximilian J. Riedel neu: „Wir sind Meister im Tourismus. Aber als Weinbauregion ist Tirol noch ein unbeschriebenes Blatt. “Das will der Chef des traditionsreichen Hauses nun ändern.