Der Ötztaler Franz Senn war Geistlicher – und Gründungsmitglied des Deutschen Alpenvereins. Als „Studierter“ kannte er die Sehnsüchte des damaligen Bürgertums und entwickelte eine frühe Form des alpinen Tourismus – inklusive Ausbildung der Bauern zu Bergführern.

Der Visionär

TEXT · Klaus Erler

„Die wilde Spiegelache stürzt hier abwärts in tief durchwühltem Bett. Unwegsam ging es einst dort aufwärts. Ein elender, verlotterter Steig führte am linken Ufer des Venter Baches empor nach Heilig- Kreuz (…) häufig unterbrochen durch vermurte Stellen und breite Bodenrisse, bis sich dem Blick die Mattenhänge von Vent öffneten.“

So beschreibt E. F. Hofmann 1928 in einer Zeitschrift den Weg zum Bergdorf Vent in den Ötztaler Alpen. Es ist die unwirtliche Welt des Franz Senn. Dort legt der Ötztaler Priester, der begeisterte Bergsteiger,der „Gletscherpfarrer“, wie sie ihn nannten, 1860 den Grundstein zu einer touristischen Entwicklung, die mehr als 150 Jahre später Tirol im Kern verändert haben wird.

Bauernsohn mit Ambitionen
Franz Senn wird im März 1831 in Längenfeld als Bauernkind geboren. Das Ötztal ist von Landwirtschaft geprägt. Im unteren Teil ist es derart fruchtbar, dass man dem alpinen Klima zum Trotz Getreide anbaut. Senn wird schon als Bub vom örtlichen Frühmesser (Kooperator) Christian Falkner gefördert und erfreut sich am kirchlichen Leben seiner Gemeinde.

Falkner bemerkt die soziale und intellektuelle Begabung des Jungen und drängt darauf, dass er das Innsbrucker Jesuiten- Gymnasium besucht. 1851 schließt Franz Senn diese Schule ab und studiert unter anderem in München. Dann aber erfüllt er sich seinen Jugendwunsch: Er geht ans Priesterseminar in Brixen und wird 1856 zum Priester geweiht. In Innsbruck und München hat er die gerade aufkeimende bürgerliche Natursehnsucht kennengelernt und geteilt, doch erst einmal wirkt er als Priester im Tiroler Oberland.

1860 aber zieht es Senn zurück ins Ötztal, in das 1.900 Meter hoch gelegene Vent ‒ für das der Reiseschriftsteller Beda Weber in seiner Ötztaler Talbeschreibung eine wenig einladende Formulierung findet: „Alle Versuche, die Erdäpfel anzubauen, schlugen fehl. Statt des Vogelgesangs hört man bloß das gierige Krächzen eines hungrigen Raubvogels.“ Hier leben rund 50 Einwohner – im Winter von der Außenwelt abgeschnitten – vorwiegend von Viehwirtschaft und Flachsanbau. Der junge Kurat macht es sich zur ersten und wichtigsten Aufgabe, die Lebensumstände der einheimischen Bevölkerung zu verbessern. Als Liebhaber der Berge erahnt er im aufkeimenden alpinen Interesse der Städter eine neue Verdienstmöglichkeit für die Bergbevölkerung.

Alpenvereins-Gründer und Tourismus-Initiator
Senn baut eine einfache touristische Infrastruktur auf. Das Pfarrhaus wird zur Herberge, viele Wege werden ausgebessert oder überhaupt erst errichtet. Die ortskundigen Bauern schult er für den Umgang mit den Eigenarten der Städter, sie werden die ersten Bergführer. Franz Senn ist nicht nur Seelsorger, Wirt und selbst Fremdenführer, es gelingen ihm auch viele Erstbegehungen im Ötztal. Er steigt auf die Finailspitze und überschreitet das Sextenjoch. 

Für seine touristischen Initiativen muss Franz Senn jedoch eigenes Geld in die Hand nehmen, und das ist bald aufgebraucht. Er verschuldet sich, die Bauern unterstützen ihn allenfalls mit ihrer Arbeitskraft. 

Bild: Frühe Einträge in das Gästebuch Vent

Geld gibt nicht einmal der gerade in Wien gegründete Österreichische Alpenverein. So geht Senn wieder einmal neue Wege. 1869 gründet er gemeinsam mit Freunden aus München und Prag den Deutschen Alpenverein. Anders als sein österreichisches Pendant soll der DAV die Alpen nicht wissenschaftlich erforschen, sondern touristisch erschließen. Auch an der damals niedergeschriebenen ersten Bergführerverordnung mit festgelegten Tarifen ist Senn maßgeblich beteiligt.

Helfer im Stubaital
Vent wird für Senn inzwischen zur Belastung: Er verliert einen Bergkameraden, hat Probleme mit der Lunge, und die harte seelsorgerische und touristische Arbeit in unwirtlicher Umgebung setzt ihm zu. Dazu kommt der ewige Kampf ums Geld. Schließlich ersucht Senn um die Versetzung in eine andere Pfarre. 1872 wird sein Wunsch erfüllt, man schickt ihn nach Nauders am Reschenpass. Eine Typhusepidemie, Überschwemmungen, ein Dorfbrand –dort ist nicht daran zu denken, die alpine Infrastruktur weiter auszubauen.

Erst als 1881 die Pfarre in Neustift im Stubai frei wird und Franz Senn als Pfarrer ein weiteres Mal übersiedelt, scheint sich das Blatt zu wenden. Das Stubaital ist bereits damals verkehrsmäßig gut erschlossen; man plant, alpine Schutzhütten zu errichten. Bis 1884 hilft Franz Senn allen, die den jungen Tourismus und das Bergführerwesen ausbauen wollen. Die Eröffnung einer von ihm mitgeplanten Schutzhütte am Alpeiner Ferner erlebt er allerdings nicht mehr: 1884 erliegt Franz Senn im Alter von 52 Jahren einer Lungenkrankheit.

Die im Jahr 1885 eröffnete Franz-Senn- Hütte (am Alpeiner Ferner) im Stubaital bleibt schließlich nicht das einzige Vermächtnis des Franz Senn. Seine touristischen Anstrengungen tragen heute noch reiche Früchte: Eine Infrastruktur, mitgetragen vom Deutschen Alpenverein mit heute mehr als einer Million Mitgliedern und vom Österreichischen Alpenverein mit fast einer halben Million Mitgliedern, ermöglicht der breiten Bevölkerung ein Bergerleben, wie es sich nicht einmal ein Visionär wie Franz Senn erträumen konnte.

Vor Ort 
Im neu adaptierten Widum in Vent ist seit August 2015 eine Dauerausstellung des Naturparks Ötztal eingerichtet. In dieser Ausstellung ist eine Medienstation mit ausführlichen Informationen dem Leben und Wirken von Franz Senn gewidmet. www.vent.at

Quellen
E. F. Hofmann, Pfarrer Franz Senn. In: Hans Haid (Hrsg.), Lesebuch Ötztaler Alpen, Verlag Loewenzahn, Innsbruck 2002 Sabine Dreher, Medienstation Franz Senn. Dauerausstellung des Naturparks Ötztal im Widum in Vent, Ausstellungskonzeption Liquid Frontiers, August 2015 Andrea Kammhuber: Der Gletscherpfarrer. Vom Alpenpionier Franz Senn (1831-1884). Recherchen rundum eine Dokumentation des Bayerischen Fernsehens, Verlag Bayerischer Rundfunk 2002 Oberwalder; Mailänder, Haid, Fliri, Haßlacher: Franz Senn ‒ Alpinismuspionier und Gründer des Alpenvereins, Tyrolia Verlag, Innsbruck 2004

Anfänge des alpinen Tourismus: Eine Seilschaft auf dem Weg zur Hinteren Schwarze, dem vierthöchsten Gipfel der Ötztaler Alpen. Erstbestiegen am 10. September 1867.