Die Stradivari unter den Glocken

Sie erklingen in Israel, auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel, in Neuseeland und Shanghai – die Glocken der Gießerei Grassmayr. Seit mehr als 400 Jahren produziert der Innsbrucker Traditionsbetrieb „Musikinstrumente“. Mittlerweile erklingen die Glocken in über 100 Ländern und für acht Religionsbekenntnisse.

TEXT · Eva-Maria Hotter
FOTOS · Bert Heinzlmeier

Schrill sirrt der Akkuschrauber, behutsam wird die Glocke auf ihrem samtenen Podest zurechtgerückt. Im Innenhof der Glockengießerei Grassmayr bereiten Mitarbeiter drei Glocken für ihren Weg von Innsbruck nach Shanghai vor. Nach und nach ummanteln Schutzfolie und Holz das bronzene Kunstwerk für einen sicheren Transport. Die schwerste der Glocken wiegt rund eine halbe Tonne. Das Gewicht ist auch der Grund, warum man früher die Gießereien vor dem jeweiligen Kirchturm aufbaute und sie dort goss, statt die unhandlichen Klangkörper auf eine lange Reise zu schicken.

Das erzählt einer, der es wissen muss: Johannes Grassmayr. Er und sein Bruder Peter führen die Glockengießerei in der 14. Generation. In ihrem Traditionsbetrieb im Innsbrucker Stadtteil Wilten beschäftigen die beiden 20 Mitarbeiter. „Heutzutage“, sagt Johannes Grassmayr, „ist der Transport dank maschineller Unterstützung und Spezialspeditionen kein Hindernis mehr.“ So konnte auch die Glocke für ein griechisch-orthodoxes Kloster am Berg Tabor in Israel mit ihren fast 16 Tonnen ohne weiteres transportiert werden. Obwohl sie mit einem Durchmesser von 2,9 Meter das größte „Musikinstrument“ ist, das der Familienbetrieb je gegossen hat.

Für einen saudischen Kunden mit Wohnsitz in der Schweiz hat die Gießerei auch schon eine Glocke mit islamischer Zeitrechnung gegossen. Dieser Kalender orientiert sich am Lauf des Mondes und bezieht sich auf den Zeitpunkt, als Prophet Mohammed nach Medina auswanderte. Grassmayrs persönliche Lieblingsglocke läutet jedoch am Berg Moses in Sinai, wo der Prophet laut Bibel die Zehn Gebote erhalten hat. „Es ist wohl die symbolträchtigste Glocke für den Frieden zwischen Juden, Christen und Muslimen.“

Insgesamt für acht Religionsbekenntnisse und in mehr als 100 Länder hat das Tiroler Unternehmen weltweit schon geliefert. Den weitesten Weg hatte wohl die Glocke nach Neuseeland, die trat von Tirol aus ihre Reise um den halben Erdball an.

Aus der Gusshalle nebenan dringt ein Tosen wie von einem Flammenwerfer. Und tatsächlich: Befestigt an einem Deckenkran hängt eine Glockenform aus Lehm, ein Mitarbeiter flämmt die hängende Form aus. „Durch die Flammen verdampft ein zuvor aufgetragenes Alkohol-Gemisch“, erklärt Grassmayr, „die aufgetragene Schicht schützt den Lehm, wenn die 1.200 Grad heiße Bronzelegierung in Form gegossen wird.“

Holz und Samt – sorgfältig werden die drei Glocken verpackt, bevor sie die Gießerei in Richtung Shanghai verlassen.

Feuer und Flamme – erst durch das sogenannte Ausflämmen verdampft ein zuvor aufgetragenes Gemisch und macht die Lehmform für den Guss widerstandsfähig.

Höchste Ansprüche 
Der Guss ist ein stiller Moment. Je nachdem für welche Länder und Religionen Glocken gegossen werden, variieren die andächtigen Worte. Für Grassmayr ist es stets ein „feierlicher, spiritueller Rahmen“. Nach dem Gebet in der jeweiligen Sprache beginnt sich der Ofen in der Gusshalle zudrehen. Laut und monoton.

In einem Schwall schießt das flüssige Metall in den Gussbecher. Das fünfköpfige Team manövriert den Gusstiegel hochkonzentriert mit dem Deckenkran zu den Glockenformen, denn meist werden gleich mehrere auf einmal gegossen. Über eine seitliche Kurbel kippt ein Teammitglied den Kessel: Das heiße Metall strömt in die Form, Flammen züngeln. Immer wieder lugt Gussmeister Peter Grassmayr in die Form, um sicherzustellen, dass sie nicht überläuft. „Halt – genug!“ Emsig kurbelt ein Mitarbeiter den Gusstiegel in eine aufrechte Position. Aus dem anfänglichen Schwall wird ein Rinnsal, das schließlich abreißt. Schnell schüttet ein Arbeiter Holzkohle auf das Gussloch. Sie sorgt dafür, dass die Glocke langsam auskühlt.

Die beiden Brüder haben stets das höchste Ziel vor Augen: Sie wollen „die Stradivari unter den Glocken“ gießen. „Der Kunde muss die Glocke am liebsten küssen wollen, wenn er sie geliefert bekommt“, erklärt Johannes Grassmayr den hohen Qualitätsanspruch lachend. Deshalb prangt an einer Wand in der Gusshalle auch in großen, silbernen Lettern der Name des weltbekannten Geigenherstellers. Wie eine Geige hat auch eine Glocke ein verblüffendes Eigenleben: Das Geheimnis seien die Teiltöne, verrät der Meister. Eine Glocke hat nicht nur einen Ton, ihr Klang setzt sich aus 50 Teiltönen zusammen, die das menschliche Ohr nicht unterscheiden kann, sondern summiert als Schlagton wahrnimmt. Die Wirkung geht trotzdem tief: Bei positiver persönlicher Stimmung werden die Dur-Teiltöne stärker wahrgenommen als die Molltonarten – bei Trauer genau umgekehrt, weiß der Glockenbauer. Deshalb wird nichts dem Zufall überlassen: Vor dem Guss wird mit hochsensibler Technik jedes Detail genau berechnet und analysiert.

Glockenbau in Perfektion 
Ein Stockwerk über der Gießerei duftet es süßlich nach warmem Wachs. In der Abteilung „Modell“ bearbeiten Bildhauer monatelang mit viel Fingerspitzengefühl die roten, hauchdünnen Wachsreliefs und Glockenkränze mit Engelsköpfen. Pausbäckig zieren sie das obere Ende der Klangkörper und sollen später beim Läuten Schutz und Segen in alle Himmelsrichtungen verbreiten. „Beim Guss selbst muss alles perfekt sein, denn danach lässt sich nicht mehr viel ändern.“

Gefertigt in präziser Handarbeit – in der Modell-Abteilung stellt eine Mitarbeiterin hauchdünne, rote Wachsreliefs für Inschriften und Verzierungen her.

Bei der Gestaltung geht die Gießerei stets auf die jeweiligen Wünsche des Kunden ein: Grassmayr kann vieles realisieren, solange nur die Reliefs dünn genug sind, damit sie den Klang nicht beeinträchtigen. Einmal wollte jemand eine Glocke mit Löchern anfertigen lassen. Dieser Wunsch musste unerfüllt bleiben: „Dabei wäre der schöne Glockenklang schlichtweg verloren gegangen“, sagt Grassmayr schmunzelnd.

Eine knarrende, schmale Holztreppe führt ins Dachgeschoss, in „die heiligen Gemächer“. In zwei Räumen lehnen in Regalen dicht an dicht Negativ-Modelle aus Gips, Holz und Lehm. Sie geben den Glocken das Relief. Sorgfältig beschriftet nach Heiligen und sortiert nach Konfessionen beziehungsweise Religionen lagern hier die Formen von den vergangenen Jahrhunderten bis heute. Einige Heilige kommen sowohl auf katholischen als auch orthodoxen Glocken vor – auch wenn sie oft „unterschiedlich dargestellt werden“. Zum Beispiel der Heilige Laurentius, der von mehreren christlichen Kirchen verehrt wird. Auf einer anderen Ablage lagern die buddhistischen Modelle. Grassmayr zeigt auf Drachenköpfe und chinesische Schriftzeichen und erklärt: „Die Reliefs spiegeln immer das wider, was in der jeweiligen Religion im Mittelpunkt steht.“

Tradition trifft Kultur 
Vor 20 Jahren gab es in Europa noch rund 80 Glockengießer.Inzwischen sind es deutlich weniger. Grassmayr geht davon aus, dass in wenigen Jahren nur noch fünf übrig bleiben werden. Für ihn selbst ein Vorteil: Seine Mitarbeiter, schätzt er, gießen dadurch viermal so viele Glocken wie früher. Derzeit fertigt das Unternehmen pro Jahr rund 300 größere und 1.000 kleinere Glocken an.

„Die Glocken sind nicht nur für verschiedene Religionen, sondern auch für unterschiedliche Kulturkreise, mit denen es behutsam umzugehen gilt. Auch lokale Traditionen spielen eine wesentliche Rolle“, erklärt Johannes Grassmayr. In technischer Hinsicht gibt es ebenfalls Unterschiede: Mancherorts sind Klöppelfänger üblich, darauf muss Grassmayr beim Entwurf neuer Glocken Rücksicht nehmen. Mit diesem Fänger wird der Klöppel nach dem Läuten eingefangen, damit die Glocke auf Kommando sofort verstummt.  

Innovation und bewährtes Wissen 
Solche Innovationen sind kein Zufall, und so ist sich Grassmayr sicher, dass „die Qualität abnehmen würde, wenn man sich nicht ständig darum bemüht“. Damit das hohe Niveau erhalten bleibt und das seltene handwerkliche Wissen erweitert wird, stellen die Glockenbauer selbst regelmäßig Experimente an und kooperieren mit technischen Universitäten. In seinem eigenen Betrieb wird das Wissen seit eh und je aufgezeichnet und von Generation zu Generation weitergegeben – seit der Gründung der Glockengießerei im Jahr 1599. Und so knüpfen auch Johannes und Peter Grassmayr an den langen Strom von Erfahrung und Wissen an – und entwickeln sich stetig weiter.

Damals und heute – die alte Gießerei direkt neben der neuen Gusshalle zeigt Museumsbesuchern, wie sich die Arbeitsweise gewandelt hat.

Umso überraschter waren die Brüder, als sie in alten Aufzeichnungen ein Lehmrezept entdeckten, das sich – auch an heutigen Maßstäben gemessen – optimal für die Glockenherstellung eignet. Johannes Grassmayr sah sich daraufhin gegossene Stücke an – und tatsächlich: Die Qualität muss Mitte des 17. Jahrhunderts etwas abgenommen haben. „Während des Dreißigjährigen Krieges ging offenbar einiges an Wissen verloren. Zum Glück stand es in den uralten Notizen.“

Glocken haben sich in den letzten 1.000 Jahren vom einfachen Klangkörper zu einem komplexen Musikinstrument entwickelt. Da erscheint der nächste Schritt wenig verwunderlich: „Der Markt hat insbesondere im Bereich der Klangschalen noch Potenzial.“ Immer häufiger werden diese als Instrument für den professionellen Musikbereich nachgefragt, unter anderem vom Russischen Nationalorchester oder dem Münchner Sinfonieorchester. Die Hälfte aller Glocken und Klangschalen produziert Grassmayr bereits für den professionellen Bereich in Kunst und Musik.

Die Glut entfachen
1993 eröffnete die Gießerei ihre Ausstellungsräume, in einer Zeit als Betriebsmuseen noch nicht üblich waren. Das Museum soll keine „Hommage an unser Unternehmen“ sein, versichert Grassmayr, im Vordergrund stehen die Glocken. Nicht ohne Grund zeichnete das Kulturministerium das Museum mit dem Österreichischen Museumspreis aus.

„Mein Bruder und ich haben versucht, den traditionellen Blick zu ändern. Das Museum war damals ein Tabubruch“, erinnert sich Grassmayr. „Wir wollten uns öffnen und für unsere Besucher aus aller Welt einladender sein.“ Ganz im Geiste des Komponisten Gustav Mahler: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche“, sagte der einst, „sondern Weitergabe des Feuers.“ Diese zukunftsorientierte Einstellung sollte sich ab 2009 auch im Familienwappen widerspiegeln, das auf allen Gussstücken die Tiroler Herkunft verrät. Statt wie früher nach links auf Vergangenes, blickt das Wappentier nun gespiegelt nach rechts, positiv und bereit für Zukünftiges –genau wie Johannes und Peter Grassmayr es tun.

Zur Kontrolle und Feinabstimmung kommt hochmoderne Technik zum Einsatz. Viele Teiltöne sind für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbar, und dennoch beeinflussen sie maßgeblich den Klang.