Herr Aichner will mehr

Der Innsbrucker Autor Bernhard Aichner hat mit seinen Thrillern rund um Bestatterin Brünhilde Blum einen internationalen Bestseller gelandet. Das hier ist die Geschichte von einem, der beschloss, Erfolg zu haben. 

TEXT · Matthias Krapf 
FOTOS · Regina Recht

E

s ist dunkel geworden an diesem Freitagabend. Seit einer Stunde erzählt Bernhard Aichner von seinem Roman „Totenhaus“, der gerade erschienen ist, und der Arbeit daran, vom Leben als Shootingstar der internationalen Krimiszene, den unzähligen Lesungen, Interviews, von früheren Büchern und von künftigen.

An den Bergspitzen über Innsbruck lassen sich die letzten Reste des Tageslichts gerade noch so erahnen. Hier im Hotelzimmer wirft bloß eine kleine Leselampe einen Lichtkegel auf den Teppichboden.

Ein Hotel dient als zentraler Schauplatz in Aichners neuestem Thriller. Die Heldin nutzt es als Versteck, ihr Gastgeber als Gefängnis, als goldenen Käfig. Auch deshalb ist das hier ein guter Ort, um sich mit dem Autor zu unterhalten. Und weil Aichner ein Meister des Morbiden ist, weil es in seinen Büchern um Bestatter, Totengräber und dergleichen geht, als ob der ganze Mord und Totschlag nicht schon genug wäre, kann etwas Finsternis für die Stimmung sowieso nicht schaden.

Bernhard Aichner sitzt im Halbdunkel in einem Fauteuil, mit einem Glas Wein in der Hand, und wundert sich also über das, was da in den vergangenen eineinhalb Jahren passiert ist. Wieder einmal. Er macht das oft – in Interviews, Fernsehporträts, auf Facebook. Sich wundern, sich sozusagen selbst kneifen, wie um sicherzugehen, dass das alles kein Traum ist.

Man kann sagen: Er hat allen Grund dazu.

Erfolg planen
„Totenfrau“, der erste Thriller rund um die Innsbrucker Bestattungsunternehmerin Brünhilde Blum, schlug 2014 ein wie die Bombe und erklomm die Bestsellerlisten im deutschsprachigen Raum. Mehr noch: Der Verlag btb, in dem die auf drei Teile angelegte Reihe erscheint, verkaufte die Rechte in 15 Länder – etwa in die USA und nach Großbritannien („Woman Of The Dead“), nach Norwegen („Dødens herskerinne“) oder in die Niederlande („Wraak Godin“). Die Filmrechte wiederum waren auch schnell vergeben. So wie es aussieht, wird der Stoff von einem amerikanischen Sender als Serie auf den Bildschirm gebracht. Die Vorproduktion läuft bereits.

Die „Totenfrau“ – das war die Sensation der Saison 2014, ein Überraschungserfolg in Deutschland und Österreich. Es ist zudem längst auch ein internationales Phänomen, und ihren Schöpfer kann man dieser Tage mit einigem Recht als einen der erfolgreichsten Autoren des Landes bezeichnen.

Fakt ist: So einen überwältigenden Erfolg kann man nicht planen. Fakt ist aber auch: Genau das hatte sich Bernhard Aichner insgeheim vorgenommen.

Der Traum vom großen Publikum
Die klassische Autoren-Cinderella- Story liest sich in etwa so: Junger, unbekannter Schriftsteller (im Literaturbetrieb gilt jeder Nichtarrivierte unter 45 als jung) schreibt sensationellen Roman, den niemand veröffentlichen will. Doch dann wird er durch Zufall entdeckt, und sein Stern geht auf.

Die Sache ist die: Bernhard Aichner, aufgewachsen in Osttirol und, seit er 17 war, wohnhaft in Innsbruck, ist keine Cinderella. Seit Ende der 1990er-Jahre arbeitet er neben seinem Brotberuf als Fotograf konsequent an seiner Karriere als Schriftsteller, veröffentlicht Prosa, Theaterstücke und Hörspiele. Mit den ersten Romanen bewegt er sich noch in jenem Bereich, den man gemeinhin mit dem Schlagwort ernste Literatur umschreibt. Mit „Das Nötigste über das Glück“ zum Beispiel, einer Liebesgeschichte als Text gewordenes Roadmovie, die vergangenes Jahr neu aufgelegt wurde. Oder dem kurzen, aber großartigen Spannungsroman „Nur Blau“, der bereits einiges vorwegnimmt, was den Bestsellerautor ausmachen wird: ein eigenwiller, äußerst verdichteter Schreibstil, den man eigentlich nur lieben oder hassen kann, der lyrisch ist und lakonisch zugleich; kurze, zum Teil atemlos erzählte Episoden, eine temporeiche, sich zuspitzende Handlung, das gekonnte Spiel mit den Cliffhangern, also jenen Punkten in einer Erzählung, die den Leser mit der einen, alles entscheidenden Frage bei der Stange halten sollen: Wie bitte geht es weiter? Der schreibende Fotograf Bernhard Aichner, das lässt sich im Rückblick festhalten, will schon vor zehn Jahren seine Geschichten wie Filme erzählen. Amerikanische Fernsehserien wie die Verschollenen-Saga „Lost“ imponieren ihm. Davon kann man, findet Aichner, viel Gutes lernen.

Aichner fährt damals Achtungserfolge ein. Aber er will mehr: Leser, Auflage, Aufmerksamkeit. Und vor allem: vom Schreiben leben können. So entsteht die Krimireihe mit dem Totengräber Max Broll als Hauptfigur, die in der nicht näher genannten Provinz makaber-skurrile Abenteuer zu bestehen hat. Die im Innsbrucker Haymon- Verlag erscheinenden Bücher kommen an, vor Ort in Tirol und auch überregional. Aber das ist Aichner nicht genug: Er träumt vom großen Publikum. Und weil es das in Österreich, wo man schon mit ein paar Tausend verkauften Büchern in den hinteren Rängen der Bestsellerlisten landet, nicht gibt, möchte er den Sprung nach Deutschland wagen.

Bernhard Aichner mag Hotels. Und ganz besonders leere– der Atmosphäre wegen.

Fürs Erste und zuallererst ist das ein frommer Wunsch. Die meisten Autoren wollen gelesen werden. Die meisten Autoren wünschen sich mediale Aufmerksamkeit. Interviews im Feuilleton, Auftritte in TV-Talkshows, ausführliche Kritiken, nach Möglichkeit positiv bis hymnisch, bitte. Die meisten Autoren werden aber – bestenfalls – veröffentlicht. Nur halt ohne dass die Masse der Leser wirklich Notiz davon nähme. Doch Bernhard Aichner hat ein Ziel und eine Idee, und er glaubt an beides.

Ein Thriller soll es sein. Mit einer Protagonistin, allerdings keine der Sorte Gerichtsmedizinerin mit Schuhtick, wie es sie im Spannungsgenre längst zu Hunderten gibt. Aichner macht seine Heldin zur Bestatterin und gibt ihr den Namen Blum. Zwei Kinder, ein schönes Haus und ein Schicksal, das sie zur Serienmörderin, zum wütenden Racheengel werden lässt.

Dazu ein Autor, der sich den Erfolg in den Kopf gesetzt hat.

Das ist in etwa die Ausgangslage, als sich Aichner 2012 mit Exposé und Probekapitel auf die Suche nach einem Literaturagenten macht, der ihm den Weg zu einem großen Verlag in Deutschland ebnen soll. Und dann geschieht etwas, wovon 99 Prozent aller hoffnungsfrohen Autoren nur träumen können: Aichner überzeugt tatsächlich mehrere Agenten von dem Projekt, er sucht sich einen aus, und dieser zieht vom Fleck weg einen schönen Vertrag mit einem Großverlag an Land – btb von der Verlagsgruppe Random House. Selbst für jemanden, der bereits acht Bücher veröffentlicht hat, ist es die berühmte Ausnahme von der Regel. Es ist der Grundstein für alles, was dann passiert, aber nicht der einzige Erfolgsfaktor.

Hyperaktiv
Als sich abzeichnet, dass Aichner mit „Totenfrau“ einen Volltreffer gelandet hat, kommen diese Kommentare. Von Autorenkollegen, Leuten aus der Branche. Mit dem Marketingbudget, das btb seinem Spitzentitel spendiert, sei das ja alles keine Kunst. Da werde eben wieder einmal jemand zum Starautor hochgeworben, mehr nicht.

Aichner hält dieser Meinung mit Vehemenz entgegen. Einen Bestseller kann man nicht „machen“, Marketing allein ist zu wenig. Niemand kann mit Gewissheit sagen, ob ein Spitzentitel eines Verlages beim Publikum durchfällt, oder zum Das musst- du-gelesen-haben-Titel avanciert. Letztendlich ist es wie ein Wunder, wenn es klappt, sagt er und lacht. Eines, an dem er hart arbeitet. Wenn man sich nämlich auf der Facebook-Seite von Bernhard Aichner umschaut, erkennt man, dass sich hier einer abseits von Inseraten in Literaturbeilagen, Point-of-Sale-Werbung, ausgeklügeltesten Werbemittel-Mix längst zum größten Werber in eigener Sache gepostet hat.

Ein Schriftsteller schreibt, klar. Doch das ist bloß die halbe Wahrheit. Wer sich heute im Buchgeschäft – und es ist in erster Linie ein Geschäft – behaupten will, muss verfügbar sein. Für Leser, Journalisten, Literaturblogger. Schön auch, wenn er oder sie optisch etwas hergibt. Und eine Geschichte hinter der Geschichte zu erzählen hat. Zum Beispiel die: Bernhard Aichner hat für „Totenfrau“ in einem Bestattungsunternehmen ein halbes Jahr als Aushilfe gearbeitet. So steht es bei der Autorenbeschreibung auf Amazon. Und das nicht ohne Grund.

Jedenfalls ist Aichner auf Facebook hyperaktiv. Kaum ein Tag vergeht, an dem er sich nicht mit einem Selfie aus dem Autoren leben bei seinen „Schnuggis“, so nennt er seine Fans, meldet. BA auf dem Weg zur Frankfurter Buchmesse. BA auf dem Weg zur Leipziger Buchmesse. Die Lesung in Hamburg war großartig, liebe Leute. Die Lesung in München wird großartig. Und immer: Freude, Freude, Freude.

Bernhard Aichner sagt: „Das Gesamtpaket stimmt.“ Und es ist keine Spur von Ironie in diesem Satz. Er sagt auch: „Ich bin gerne die Rampensau.“ Und: „Ich bin hoch motiviert.“ Sollten ihm einmal die Ideen ausgehen, könnte er ohne Weiteres einen Ratgeber in Social-Media-Marketing herausbringen. Arbeitstitel: Wie man mit seinem Publikum kommuniziert. Und jeden Verlagsleiter glücklich macht.

Dabei geht es längst nicht nur um die Leser, mit denen Aichner in ständigem Austausch steht. Auch den Buchhändlern widmet er sich mit Hingabe. Denn sie sind es schließlich, die im direkten Kontakt mit der Zielgruppe stehen, die Empfehlungen aussprechen, ein Buch in den höchsten Tönen loben oder eben nicht. In der Politik nennen sie das Basisarbeit. Bernhard Aichner nennt es die „tausend Sachen“, die er Tag für Tag diszipliniert erledigt, damit alle bekommen, was sie sich vom Bestsellerautor Bernhard Aichner wünschen. Und damit sein ziemlich beeindruckendes Netzwerk aus Fans, Journalisten, Verlagsleuten und Büchermenschen weiterwächst.

Der Leser als Geschenk
Weit über 100 Lesungen vom Burgenland bis zur Nordsee hat Bernhard Aichner seit Erscheinen des ersten Blum-Bandes absolviert. Ein enormes Pensum. Aber eines, das sich aus seiner Sicht lohnt: „Jeder neue Leser ist wie ein Geschenk. Er ermöglicht mir, dass ich meiner Leidenschaft nachgehen kann“, sagt Aichner. Soll heißen: schreiben. Und davon leben können.

Er hat in New York gelesen und in Köln den Preis für den Krimi des Jahres 2015 gewonnen. Er ist in einer Kirche aufgetreten und hat Textauszüge aus seinen Thrillern auf Wände gemalt.

Daneben und dazwischen: schreiben. Zeit für das Grande Finale der Trilogie. „Totenrausch“ wird Ende des Jahres erscheinen. „Von Seite 1 an macht’s peng“, sagt Aichner über den Roman, der einige Fragen zu beantworten hat, allen voran natürlich: Kommt Blum mit ihrer irren Rache-Nummer durch?

Und dann arbeitet der Vielschreiber schon an zwei weiteren Buchprojekten: einem Thriller und einer Liebesgeschichte. Welche Ziele hat er, jetzt, wo der Erfolg da ist? Bernhard Aichner überlegt kurz. „Ich will noch mehr Leser“, sagt er. Pause.

„Aber eigentlich will ich vor allem eines: coole Bücherschreiben.“