Hoch-Kultur

Gegen alle Widerstände hat Florian Werner in St. Christoph am Arlberg sein Herzensprojekt verwirklicht: eine eigene Kunsthalle auf 1.800 Meter. Kostenpunkt: 26 Millionen Euro. Ausstellungen, Konzerte, Kabarett – in der höchstgelegenen Konzerthalle der Alpen ist an 300 Tagen im Jahr was los.

TEXT · Florian Gasser
FOTOS · Gregor Sailer

Wenn Florian Werner durch seine neue Kunsthalle flaniert, kann auch die leise, monotone Stimme nicht den Stolz darauf verbergen. Der 49-Jährige tritt durch den Eingangsbereich, begrüßt nebenbei noch zwei Gäste und erzählt, wie er das Projekt gegen alle Unkenrufe umgesetzt hat. Denn Hochkultur auf fast 1.800 Meter, damit konnte so gut wie keiner etwas anfangen.

Werner geht durch den Lüftungsbereich im Keller mit den großen, schweren Rohren, steigt die Treppen hinauf in die sogenannte Kathedrale, einen acht Meter hohen Ausstellungsraum, und spricht begeistert über verschiedene Bauweisen sowie die Akustikwände, die 40 Kilogramm pro Quadratmeter auf die Waage bringen. Und auch darüber, wie er überhaupt auf die Idee der Kunsthalle kam und wie sie seinen Betrieb zu etwas Besonderem machen soll.

„Ich hatte fast nur verständnislose Leute um mich. Keinem hat sich erschlossen, was ich hier machen wollte, und es gab nur wenige, die mich unterstützt haben. ‚Das schafft er eh nicht‘, sagten alle, ob in Tirol, Vorarlberg, in ganz Österreich. Ich habe sie alle eines Besseren belehrt, weil ich fest daran geglaubt habe.“

Hoch oben am Arlbergpass, in St. Christoph, wo Kühe grasen, Skipisten zum Wedeln sowie Bergspitzen zum Wandern einladen und seit Jahrhunderten Menschen zwischen Ost und Westverkehren, soll im 14. Jahrhundert ein Schweinehirt eine Herberge errichtet haben, so erzählt es die Legende. Für die Reisenden war das Hospiz einst der einzige Schutz vor dem Wetter, das auf dieser Höhe oft unbarmherzig sein kann.

Das Hospizhotel gibt es noch immer. Mittlerweile ist es ein Fünfsternehaus, das seit den 1960er-Jahren von der Familie Werner geführt wird. Wer heute St. Christoph und Florian Werner, den Geschäftsführer des Hotels, besucht, der entdeckt auf den ersten Blick einen lang gezogenen Bau neben dem altehrwürdigen Haus. Hier entstand vergangenes Jahr „arlberg1800“, die höchstgelegene Kunsthalle der Alpen. Ein ambitioniertes Projekt, ein schöngeistiger Gegenpol zum lauten und schrillen Skitourismus.

Eva Beierheimers Arbeit „Punctum Archimedis“ – das Eingangstreppenhaus – führt hinab zur Kunst- und Konzerthalle.

Constantin Lusers Kunstwerk „Bandoneon-Intensivstation“ in der Kunsthalle arlberg1800

Mit einem bezogenen Bett und Essen lassen sich Gäste schon lange nicht mehr locken. Der Tourismus lässt sich immer neue Angebote einfallen, sucht Nischen und Märkte. Längst hat die Globalisierung zugeschlagen, das Hotel in St. Anton konkurriert mit dem All-inclusive-Club am Roten Meer. Gefragt sind Alleinstellungsmerkmale, das einzigartige Erlebnis für den Gast. 

Wenn Florian Werner über Kunst spricht, dann tut er das mit dem Ernst des echten Liebhabers. Im Jahr 2006 malte er für die Hochzeit seiner Schwester das erste Bild. Seitdem hat ihn die Leidenschaft nicht mehr losgelassen.

„Mich hat niemand zur Kunst hingeführt. Ich hätte im Internat in Salzburg die Chance gehabt, Klavier zu lernen. Aber es war keiner da, der mich gepusht hat. Das bereue ich unendlich. Als ich 1993 nach St. Christoph zurückgekommen bin, habe ich den Sport für mich entdeckt, ich ging joggen und mountainbiken. Dann interessierte ich mich für Oldtimer. Aber ich habe immer gemerkt: Das ist nichts für mich, das waren immer kopfgesteuerte Entscheidungen. Bei der Kunst habe ich gemerkt, dass da mehr ist. Die war nicht kopfgesteuert.

Ich bin Kunstliebhaber, kein Kenner. Ein Gespräch über holländische Malerei des 16. Jahrhunderts könnte ich mit Ihnen nicht führen. Ich habe das nicht gelernt. Mein Geschmack ist aber weit gefächert. Mir gefällt vor allem die Kunst, die mich herausfordert, wie das zeitgenössisch Abstrakte. Wenn es aber Dinge sind, an denen man sich rasch satt sieht, dann finde ich das langweilig. Mich interessiert, worüber man nachdenken muss. Über die Jahre habe ich mein Auge geschärft und erkenne, ob etwas spezieller ist; vor allem auch spezieller als das, was ich selbst früher gemalt habe.“

In der Kunsthalle gibt es nun zwei Ausstellungen im Jahr, eine im Sommer und eine im Winter. Kuratiert werden sie von der Wiener „section.a“. Montags, mittwochs und freitags gibt es einstündige Soirees, donnerstags Jazz im Studio und samstags Kabarett. Dass Florian Werner seine Leidenschaft an die Gäste weitergeben kann, freut ihn sichtlich; dass er nun noch mehr als sonst mit Künstlern in Kontakt kommt, ebenfalls.

Zu Beginn wird man natürlich belächelt, aber daran habe ich mich schon gewöhnt. Es wird immer mehr aufgenommen von den Gästen. Für die ist das nun eine zusätzliche Attraktion. Der Künstler sitzt an der Bar, er isst im Restaurant, er geht in die Sauna, er arbeitet hier, er ist Teil vom Haus. Man kann mit den Künstlern auch ein Bierchen trinken. Diese Verbindung zwischen Künstler, Gast und mir, das gefällt mir. Mein Vater (Adi Werner, der frühere Chef des Hospizhotels, Anm.) hat ja auch sein Leben lang nichts anderes gemacht, als die Kunst der Begegnung gelebt. Bislang waren wir aber in diese elitäre, exklusive Fünfsterneschiene reingezwängt. Eine Weinflasche für 40.000 Euro? Da ist das Publikum sehr limitiert. Aber ein Konzert für 31,50 Euro, das öffnet viel mehr Leuten den Zugang zu unserem Haus.“

Viel Holz, klare Linien, Steinway-Flügel und Top-Akustik – Florian Werner hat seinen Traum vom höchstgelegenen Konzertsaal der Alpen wahr gemacht.

Art Garfunkel spielte im Winter sein einziges Österreichkonzert in St. Christoph, Chris de Burgh ebenso. Die Pianistin Jeanne Mikitka trat auf, der junge Cellist Julian Bachmann und das Gémeaux Quartett. Im Hospizhotel St. Christoph ist die Hochkultur eingezogen. Und geht es nach Florian Werner, wird sie hier auch bleiben.

„Mein Sohn Thaddaeus wächst ganz anders auf als ich. Wir schleppen ihn zu Konzerten, hier hat er eine Konzerthalle, einen Steinway-Flügel und ständig Menschen um sich, die kunstaffin sind. Natürlich kann man ihn zu nichts zwingen. Aber es wäre für mich die größte Freude, wenn er einmal Klavierspielen lernt.“

Kunst wurde für Werner mehr als bloßer Zeitvertreib. Er malte Bilder, Acryl auf Leinwand, und besuchte Kurse unter anderem bei dem Maler und Aktionskünstler Hermann Nitsch. Immer tiefer tauchte er ein, kaufte Bilder, die heute in den Zimmern des Hotels hängen, und führte einige Jahre in Bregenz eine Galerie.

„Die Kunst ist meine Leidenschaft, die ich aber auch beruflich nutzen kann. Als Sammler von Ferraris hätte ich das nicht tun können. Mit der Kunsthalle heben wir uns von anderen Hotels ab. Jeder Marketingfachmann sagt Ihnen das: Wenn man nur mit der Masse mitschwimmt, ist es bald vorbei. Es muss einem stets etwas Neues einfallen. Einen Spa-Bereich haben wir, aber wir werden nie ein Wellnesshotel werden, da gibt es genug. Mit der Kunst in St. Christoph, auf 1.800 Meter Seehöhe, haben wir ein Alleinstellungsmerkmal. Es gibt einige Gäste, die wegen der Kunsthalle kommen,und es gibt andere, die sagen, hier kann ich mehr machen als bloß Ski fahren.Die sehen das als Zusatzangebot, die gehen vielleicht vorher noch zum Après-Ski und kommen anschließend zum klassischen Konzert am Abend oder besuchen die Jazznight.“

Vier Familien leben hier oben in St. Christoph. Florian Werner ging früh weg, ins Internat nach Salzburg, und tingelte dann sechs Jahre lang um den Globus: Los Angeles, Hongkong, Bermudas,Liechtenstein, New York – überall hat er gearbeitet, sein touristisches Wissen erweitert. Er erzählt von diesen Orten quasi nebenbei, als wären sie gleich vor oder hinter dem Arlberg zu finden.

Neben der Künstlerbar geht es weiter durch das Musikstudio in den Konzertsaal. Dort gibt es gibt einen Regieraum und im Freien einen Platz für einen Ü-Wagen – selbst Liveübertragungen lassen sich realisieren. Steinway, einer der bekanntesten Hersteller von Konzertflügeln, ist Partner. Gekostet hat der 1.470 Quadratmeter große Neubau 26 Millionen Euro. Finanziert wurde das Projekt durch Eigentumswohnungen, die in dem Komplex untergebracht sind.

In dem Saal können Partys stattfinden, Galas, Kongresse und sogar Autopräsentationen. Die Idee war einfach: In einer Kongresshalle lässt sich nicht jedes Konzert durchführen, aber jeder Kongress geht in eine Konzerthalle. 300 Tage im Jahr findet hier Hochkultur statt.

„Auch die Musik muss mich herausfordern. Wiedas Auge gewöhnt sich das Gehör an gewisse Dinge. Ich höre klassische Musik oder Jazz im Büro und im täglichen Leben. Irgendwann stresst es einen nicht mehr – je mehr man sich damit befasst. Das ist wie mit Wein. Je mehr ich trinke und je mehr ich mich damit befasse, desto mehr verstehe ich davon. Ich weiß natürlich nicht, ob ich die Kompositionen von Schostakowitsch wirklich verstanden habe, aber sie fordern mich, und das gefällt mir. Ein Mitglied der Wiener Philharmoniker hat einmal zu mir gesagt, man müsse sein Herz öffnen,damit man die Musik versteht. Damit hat er Recht. Wenn man mit dem Herzen dabei ist, ist es gleich eine ganz andere Sache.“

Vor dem Eingang der Kunsthalle verläuft die Straße, die über den Pass führt. Bereits die Kelten sind hier entlangmarschiert. Heute brausen Motorradfahrer über den Asphalt, und Radfahrer keuchen die Serpentinen hinauf. Die Skilifte stehen still, auf den Bergen ist kein Schnee zu sehen. Es ist die ruhige Zeit in St. Christoph. Florian Werner zieht seine Jacke zu, blickt auf die Gipfel, die grünen Hänge und die leeren Parkplätze vor den Skiliften.

„Im Herbst ist es auch schön hier. Es gibt noch etwas anderes als Schnee. Leider haben wir aber jahrzehntelang nur den Winter stark beworben. Jetzt stehen wir vor der Aufgabe, den Menschen klarzumachen, dass es den hochalpinen Raum auch im Sommer gibt. Das ist eine große Herausforderung. Ich habe hier oben eine kurze Saison und acht Monate Stehzeit. Mit der Kunsthalle kann ich die Saison verlängern. Aber das ist zufällig passiert.

Es gibt diesen Spruch: ‚Der Sucher sucht, der Finder findet.‘ Das passt zu mir. Denn ich habe gar nicht nach einer Möglichkeit gesucht, wie ich weniger Stehzeit habe könnte. Die Idee zur Kunsthalle hat mich gefunden, das Projekt gab es, und plötzlich haben wir realisiert, dass sich damit die Saison verlängern lässt. Wenn ich so mehr Nächtigungen schaffe, dann habe ich schon gewonnen.“

Zurück im Hotel, legt Florian Werner Holzscheite in das lodernde Feuer im großen offenen Kamin. Er setzt sich davor, reibt sich die Hände. Es ist kühl geworden draußen. Werner schlägt die Beine übereinander und schweift mit dem Blick immer wieder an die Bar und in den großen Gastraum. An der Wand hängt eine große Holztafel, auf der alle „Hospizwirte zu St. Christoph“ aufgelistet sind; von Heinrich Findelkind von Kempten 1386 bis Florian Werner 1997. Es ist ein traditionelles Haus, mit schwerem Holz und klassischen Schnitzereien. Im Hintergrund läuft Jazz.

„Ich bin ein traditioneller Mensch. Diese ganzen Designhotels, die brauche ich nicht, das ist mehr Schein als Design, die haben kein Eigenleben. Bei uns ist das Spannende, dass wir hier die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft miteinander verbinden können.Warum sollte ich dieses alte, traditionelle Haus ändern? Das würde auch der Gast nicht verstehen. In der Kunsthalle bin ich modern. Aber hier, hier bin ich im Ursprung.“

Die Galeriearbeiten „Be One“ von Clara Oppel und „Bitte Betreten“ von Ovidiu Anton. 

Die Geschwindigkeit, mit der man auf den Berg kommt, lässt einen oft vergessen, dass man im hochalpinen Raum ist, in einer schroffen Naturlandschaft. Kunst und Natur haben schon in der deutschen Romantik zusammengefunden, doch es ging dabei um blühende Blümchen, saftige Wiesen und viel Liebe. Am Arlberg hat die Natur eine raue Schönheit, die den Romantikern wohl nur wenig Anmut abgerungen hätte.

Moderne Kunst und Kultur, das sind für viele urbane Phänomene. Avantgarde am Land ist für sie schwer vorstellbar. Das Land kämpft mit dem Vorurteil des Traditionalistischen, des Konservativen und Rückwärts gewandten. Passen Jazzkonzerte und abstrakte Malerei überhaupt nach St. Christoph?

„Wer sagt, wo etwas passt und wo nicht, das ist ja das Schöne.Wer sagt, dass kein Konzertsaal auf 1.800 Meter Höhe sein darf? Wer sagt, dassKultur nur in der Stadt stattfinden darf? Warum soll Hochkultur nicht auch hieram Berg stattfinden? Für mich hat sich nie die Frage gestellt, ob das nach St.Christoph passt. Es gab Zeiten, da hätte keiner gesagt, dass ein Skilifthierher passt. Ich habe das aus Leidenschaft und Überzeugung gemacht und nichtgefragt, ob das passt. Mein Vater hat sich damit natürlich ein wenig schwergetan. Kunst ist ihm generell fremd, er geht auch nicht auf Konzerte. Er hatnicht verstanden, dass das ein Bereich ist, in dem man viel machen kann. Manmuss akzeptieren, dass das nicht seine Generation ist. Trotzdem habe ich daseinfach gemacht. Man konnte mich nicht stoppen.“