„Ich meißle meine Signatur in die Wand“

Der Tiroler David Lama zählt zu den besten Kletterern und Alpinisten der Welt. Der 25-Jährige über Kreativität und Selbstverwirklichung am Berg, den Reiz des Ungewissen und Extremsituationen als Lernprozess.

INTERVIEW · Eva Schwienbacher

David, wann hattest du das letzte Mal so richtig Angst? 
Beim Schwimmen in einem See. Ich dachte, im Wasser könnte eine Schlange sein. Mit Schlangen kann man mir richtig Angst machen.

Eine harmlose Alltagssituation kann dich aus der Ruhe bringen, nicht aber eine Route im zehnten Schwierigkeitsgrad wie die „Safety Discussion“ in Osttirol?
Das lässt sich schwer vergleichen. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass wir Extrembergsteiger aus Langeweile in eine schwierige Wand einsteigen. Wir beherrschen unser Handwerk und wissen, wie es eigentlich funktionieren sollte. Hin und wieder muss man am Berg dann doch ein Risiko eingehen. Bei der „Safety Discussion“ zum Beispiel riskiert man Stürze, aber nie lebensbedrohliche. Man muss sich richtig einschätzen können: Was traue ich mir zu, und wo sind meine Grenzen?

„Aus extremen Erfahrungen kann man sehr viel mitnehmen“

Ein bisschen darüber hinausgehen, das kann am Berg schon das Leben kosten.
Grenzerfahrungen bedeuten nicht unbedingt eine Lebensbedrohung. Ein Marathonläufer kommt auch in einen Grenzbereich und gefährdet im Normalfall nicht sein Leben. Aber aus diesen extremen Erfahrungen kann man sehr viel mitnehmen. Man muss erst einmal das Engagement, den Mut und die Leidenschaft aufbringen, so weit zu gehen. Man beschäftigt sich damit, warum man sich so quält und warum man sich Gefahren aussetzt. So erfährt man einiges über sich selbst und destilliert Entschlüsse auf ganz klare Gedanken herunter.

Wie lautet dein Destillat?
Es geht mir um Selbstverwirklichung. Ich stehe vor einer Wand, die noch nie zuvor durchstiegen wurde. Meine Augen scannen die Oberfläche auf Unebenheiten. Im Kopf probiere ich die Strukturen des Felsens und des Eises zu nutzen, um eine rote Linie durchzuziehen – die Route. Ich überlege mir, wie es funktionieren könnte. Dabei habe ich natürlich meine Ideale. Ich muss abwägen, ob sich meine Vorstellungen umsetzen lassen. Das ist für mich der spannende Prozess, bei dem ich mich verwirklichen kann. Klettere ich eine neue Linie, meißle ich meine persönliche Signatur in die Wand hinein. Auf Fotos wird auch für andere Bergsteiger sichtbar, was man hinterlassen hat.

Das klingt ein wenig nach einem früheren Bonmot von dir: „Ein Alpinist ist mehr Künstler als Sportler.“
Absolut. Der Berg ist wie ein unbeschriebenes Blatt. Als Bergsteiger zeichnet man seine Routen ein, indem man sie geht und seine Vorstellungen umsetzt. Das ist der kreative Prozess, bei dem der Sport die Umsetzung ist, aber nicht das Vorrangige.

Und Angst spielt dabei wirklich keine Rolle? 
Panik oder lähmende Angst sollte man als Extrembergsteiger tunlichst vermeiden. Eine gewisse Angst zu haben ist aber nicht unwichtig. Sie zeigt Gefahren auf, sie sagt: „Hier solltest du dir mehr Gedanken machen.“ Man kann Risiken minimieren und sich überlegen, wie man aus Extremsituationen wieder rauskommt. Unvorbereitet in eine Wand einzusteigen geht nicht lange gut.

Dein Vater ist Nepalese, dein Großvater war ein tibetischer Mönch – mentale Stärke und Ruhe sind dir wohl in die Wiege gelegt worden.
Die Gene? Von dieser Vorstellung halte ich wenig. Was einen stark prägt, ist das direkte Umfeld.

Wer konkret?
Freunde, Kletterpartner … speziell im Kindesalter die Eltern. Sie haben einen starken Einfluss auf mich gehabt.

Du hast einmal gesagt, dass dich besonders Projekte interessieren, an denen Generationen zuvor gescheitert sind.
Was gestern für unmöglich gehalten wurde, ist heute zum Teil schon möglich und morgen vielleicht schon Standard. Ich wiederhole nicht gerne Dinge, sondern hinterlasse lieber meine eigene Handschrift. Bei Routen, die bereits geklettert wurden, folgt man der Linie eines anderen Bergsteigers und hat nicht mehr die komplette Freiheit wie bei einer Erstbegehung oder einem noch nicht bestiegenen Berg.

Für den Cerro Torre in Patagonien hast du drei zehrende Anläufe gebraucht, um ihn als erster Mensch frei klettern zu können, also abgesehen von der Sicherung ohne technische Hilfsmittel. Woher nimmst du die Kraft, nicht aufzugeben? 
Es ist reizvoll, etwas auszuprobieren, wo ich den Ausgang nicht kenne und ich nicht genau weiß, ob ich es schaffe. Projekte, denen man nicht gewachsen ist – weder physisch noch mental –, führen zu extremen Lernprozessen. So etwas passiert im Leben normalerweise nicht, außer man setzt sich bewusst solchen Risiken aus.

Zur Person

David Lama wird am 4. August 1990 als Sohn einer Innsbrucker Krankenschwester und eines nepalesischen Bergführers geboren. Als er fünf ist, entdeckt Everest-Legende Peter Habeler sein Talent. Mit sieben nimmt er an seinem ersten Wettkampf teil. Mit zehn klettert er bereits Routen im zehnten Grad. 2005 wird er zum zweiten Mal Jugendweltmeister und erhält die Ausnahmegenehmigung, als 15- Jähriger im Weltcup der Erwachsenen zu starten. Bereits im zweiten Bewerb kürt er sich zum nach wie vor jüngsten Weltcupsieger. Weitere Titel folgen. Mit 21 beendet er seine Karriere als Wettkampfkletterer, um sich gänzlich dem Alpinismus zu widmen. Sein bisher größter alpiner Erfolg ist die erste freie Besteigung des Cerro Torre in Patagonien/ Argentinien im Jahr 2012, die auch verfilmt wurde.

Und was hat dich der Cerro Torre gelehrt? 
Das erste Mal bin ich zum Cerro Torre mit einer Vorstellung gefahren, die weit weg von der Realität war. Ich musste meinen Stil reflektieren, einen finden, der sinnhaft und umsetzbar war. Und gleichzeitig – und das war eines der größten Learnings – meinem Stil treu bleiben. Wenn man das Unmögliche wagt, muss man auch akzeptieren können, dass es vielleicht unmöglich bleibt, die Zeit noch nicht reif ist, ein Projekt vielleicht nie gelingt oder möglicherweise erst der nächsten Generation.

Für deinen Erfolg am Cerro Torre gab es sogar Lob von Reinhold Messner. Wie wichtig ist dir Anerkennung aus der Bergsteigerszene?
Ruhm ist nicht der Grund, warum ich bergsteige. Und grundsätzlich würde jeder, der zwischen Lob oder Kritik aussuchen kann, lieber gelobt werden, oder? Von jemandem wie Reinhold Messner Anerkennung zu erfahren ist allerdings etwas Besonderes. Der spart ja an Lob und teilt Kritik großzügig aus. Er ist bei seinen Erlebnissen in Grenzbereiche gekommen, die seinen Worten einen anderen Stellenwert geben. So extrem wie er waren nur sehr wenige unterwegs.

Ruhm ist nicht der Grund, warum ich bergsteige.

Welche Kriterien muss eigentlich ein Kletterpartner erfüllen, damit du ihm dein Leben anvertraust?
Grundsätzlich müssen zwei Dinge passen: Es muss in gewisser Weise eine freundschaftliche Verbindung bestehen. Die Erlebnisse in den Bergen sind sehr intensiv. Die sind einmalig. Die Chemie sollte also stimmen. Zweitens sollte man eine ähnliche Vorstellung von der Linie haben. Das hilft, als Team in dieselbe Richtung zu gehen.

Noch eine Frage zu deiner Heimat: Du bist in der ganzen Welt unterwegs. Wie wichtig ist dir Tirol?
Tirol bedeutet für mich Heimat, das allein hat schon einen gewissen Stellenwert. Ich bin hier groß geworden, zur Schule gegangen und bin irrsinnig gerne hier. Unsere Berge sind zwar nicht so hoch wie die im Karakorum, in Patagonien oder im Himalaja, aber doch immer noch sehr schön.

Hast du in Tirol einen Lieblingsberg?
Eine Gegend, wo ich im Sommer wie im Winter gerne unterwegs bin und ich mich in gewisser Weise wie daheim fühle, sind die Kalkkögel in den Stubaier Alpen.

2018 findet in Innsbruck die Kletter- WM statt. Wirst du doch noch einmal an die Wand zurückkehren?
Mit dem Wettkampfklettern habe ich abgeschlossen. Bei Bewerben bleibt wenig Spielraum für Kreativität. Daher habe ich mich für den Alpinismus entschieden. Das wahre Klettern findet draußen am Felsen statt.

David Lama beim Interview in Innsbruck im Sommer 2015