Inside Snøhetta

Das norwegische Architekturbüro Snøhetta hat Projekte wie das 9/11 Memorial Museum in New York oder die Oper in Oslo gestaltet. Zuletzt feierte es auch in Tirol einen Erfolg: Mit seiner Innsbrucker Niederlassung schuf es das architektonisch innovative Konzept für Restaurant, Spielturm und Shop-Eingang in den Swarovski Kristallwelten.

TEXT· Eva-Maria Hotter
FOTOS · Marek Vogel

Es ist ein schlichtes schwarzes Schild. Darauf steht in weißen Lettern Snøhetta. Wäre nicht der Strich durch das O, kaum jemand würde hier in der Maria-Theresien-Straße eine Dependance des weltweit erfolgreichen norwegischen Architekturbüros vermuten.

Im Dachgeschoß tüftelt ein junges, ambitioniertes Team. Im hellen Licht unter den Dachschrägen leuchten klassisch schlichte Sitzmöbel in Olivegrün, Gelb, Orange und beerigem Rot. Patrick Lüth, Partner und Managing Director bei Snøhetta, ist stolz darauf: Die Möbel hat man nach einer Snøhetta-Einzelausstellung im dänischen Architekturzentrum für das Innsbrucker Büro übernommen. Neben Architektur entwickelt Snøhetta nämlich auch Interieur, Landschaftsarchitektur und Brand Design. An der Wand im Eingangsbereich ein Bild mit der schier grenzenlosen Weite des Oslofjords.

Anfänge in Oslo
Der Name Snøhetta stammt von dem gleichnamigen Berg. Er ist die höchste Erhebung im norwegischen Dovre-Gebirge. Doch die Geschichte, wie das Architekturbüro tatsächlich zu seinem Namen kam, ist eine andere: In den Anfangsjahren hatte das Team seine ersten Räumlichkeiten über dem Bierpub „Dovrehallen“ in Oslo. Und weil das Büro oberhalb dieser Bar lag und der höchste Berg der Dovre-Region Snøhetta heißt, führte eins zum anderen.

Der gebürtige Tiroler Patrick Lüth hat nach seinem Architekturstudium in Innsbruck fünf Jahre bei Snøhetta in Norwegen gearbeitet. 2011 kam er nach Tirol zurück und baute die Niederlassung in Innsbruck auf. Er ist Partner des weltweit operierenden Unternehmens mit insgesamt 180 Mitarbeitern. Die Standorte sind Oslo, San Francisco, New York und Innsbruck. Regelmäßige Teammeetings erlauben das, was Lüth kreativen Austausch nennt. Projekte würden auch in Zusammenarbeit mehrerer Büros umgesetzt. Für das Bearbeiten eines Projekts sei es nicht unbedingt notwendig, am selben Ort zu sein. So gestaltete das Innsbrucker Team beispielsweise vor einigen Jahren einen „lebenden“ Duty-free-Shop im Osloer Flughafen. Bei diesem reinen Interieur-Projekt schaffte es Snøhetta, Norwegens Natur durch viel Holz und echte grüne Pflanzenwände ins Rauminnere zu bringen.

Im Gespräch vertieft – Patrick Lüth mit einer Mitarbeiterin.

Nach Feierabend auf den Lanser Kopf
Ende August 2015 unternahm das gesamte Team – wie jedes Jahr – einen Ausflug nach Norwegen zum namensgebenden Berg. Etwa fünf Stunden dauerte die Wanderung auf den 2.286 Meter hohen Gipfel. Snøhetta am Snøhetta. Abends kehrte das Team in einer nahe gelegenen Hütte ein. „Berge sind nicht die einzige Brücke zwischen Norwegen und Tirol“, sagt Lüth. Die Natur ist eine weitere Parallele. Diese genießen Lüth und sein Team in vollen Zügen.

Der Naturbezug spielt beruflich und privat eine wichtige Rolle. So können dem Architekten zufolge Gebäude und Umgebung auch Natur sein, und zwar dann, wenn sich die Gebäude harmonisch einfügen.

Nach Feierabend schwingt sich das Architektenteam als Ausgleich zur Arbeit regelmäßig aufs Mountainbike. Das erklärte Lieblingsziel: der Lanser Kopf. Im Winter gehen die Architekten wöchentlich die Abendskitour am Patscherkofel. Lüth sagt: „Bei uns fragen wir: ‚Und, wo warsch?‘ – und gemeint ist damit: ,Auf welchem Berg?‘“

Architektur zum Begehen
Snøhetta zeichnet sich nicht durch einen typischen Stil aus, man sieht einem Gebäude nicht gleich an, dass es ein Snøhetta- Projekt ist. In einem Eck des Büros steht eine kniehohe Box. „Das ist für einen Workshop, den wir morgen haben“, erklärt der Architekt geheimnisvoll und ergänzt: „Wir haben kein klassisches ‚Corporate Design‘, das ist sicher eine Besonderheit. So sind uns bei Entwürfen keine Grenzen gesetzt. Denn jeder Kunde ist anders, weshalb die architektonischen Lösungen hochgradig individuell ausfallen. Uns ist es wichtig, Kunden auf allen Ebenen einzubinden.“ Beispielsweise sichern Workshops wie der bevorstehende, dass Werte und Identität der Auftraggeberfirma in das Projekt einfließen und es somit von allen getragen wird. Eine zusätzliche Besonderheit: Bauwerke bei Snøhetta haben auch einen gesellschaftlichen Mehrwert, im Sinne von öffentlichem Raum. So lässt sich zum Beispiel das Dach der Osloer Oper, die ebenfalls von Snøhetta entworfen wurde, von jedem begehen, der zufällig an ihr vorbeigeht. „Architektur bietet Menschen Raum, sich in ihrer Umgebung zu bewegen“, sagt Lüth, „und sie neu zu entdecken.“

Der Weg zur Idee
Doch Ideen überhaupt erst zu finden, „das geht nur im Team“. Es sei nie der Einfall eines Einzelnen, dieser ist nur Grundlage für Diskussion, aus der die schlussendliche Idee geboren wird. „Ich sehe meine Rolle darin, diesen Ideenprozess zu leiten und“, Lüth schmunzelt, „wenn notwendig auch zu bremsen.“ Er hält ein 3-D-Modell in den Händen. Es ist eine Miniatur des architektonisch innovativen Restaurants für die Swarovski Kristallwelten, das 2015 in Wattens eröffnet wurde. „An diesen Modellen lässt sich die Entwicklung sehr gut erkennen.“ Er deutet auf das Regal mit ähnlichen Modellen desselben Projekts. Auf den ersten Blick scheinen alle identisch, doch der Eindruck täuscht: „Man arbeitet in eine bestimmte Richtung und verfeinert die Idee von Schritt zu Schritt.“ Zwar wird heutzutage alles am Computer gezeichnet und die Projekte lassen sich auch digital von allen Seiten betrachten, aber anhand solcher plastischen Formen könne man doch einen ganz anderen Eindruck gewinnen. „Und manchmal fallen Dinge auf, die zuvor nicht ersichtlich waren. Zudem sind sie auch Auftraggebern gegenüber tolle Kommunikationsmittel.“ Doch Snøhetta realisierte nicht nur das Restaurant in den Kristallwelten, sondern auch den Spielturm direkt daneben und den Eingang zum Shop.

Spiel mit den Möglichkeiten
Neben dem Regal mit 3-D-Modellen steht eine Kiste mit Materialien wie Schwämmen, Drahtgittern und Naturfasern. Die unterschiedlichen Strukturen und Muster – ein Spiel mit den Möglichkeiten. „Oft ist es besser, wenn man erst später nachdenkt, wie sich Ideen in Echt umsetzen lassen“, erklärt Lüth, „so sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.“ Sichtbar wird dies auch im neuen Swarovski-Spielturm: „Unser Anspruch war, es muss gefährlich wirken, damit es für Kinder reizvoll ist. Hier wurden im Raum so viele Seile gespannt, dass die Kleinen ‚waghalsig‘ umherklettern können.“ In Wahrheit sind die Seile jedoch so dicht aneinander, dass nichts passieren kann.

Für das Team standen dabei vor allem physische Erlebnisse über den konditionierten Spielbegriff hinaus im Mittelpunkt. Ziel war es, gewohnte Bewegungsmuster neu zu definieren und verschiedene Spielflächen vertikal in einem Turm bespielbar zu machen: Innen wie außen gilt es somit für Kinder die neuen Spielvarianten erst zu entdecken.

Gemeinsam essen am großen Tisch
„Essen ist fertig“, tönt es plötzlich von einer Büroetage weiter oben. Herrlicher Duft durchströmt die Räume. Freudig springen alle auf. In der Küche dampfen Makkaroni mit Kürbis-Mangold- Rahmsauce. Jedes Teammitglied schnappt sich einen Teller und nimmt Platz am großen Tisch. So machen sie es auch in Oslo. Beim Mittagessen spricht das Team nicht über die Arbeit. Für Lüth ist die Mittagspause mit gemeinsamem Essen ein wesentlicher Faktor für den Zusammenhalt und das Arbeiten im Team.

Von Montag bis Donnerstag kommt eine Köchin im Snøhetta- Büro vorbei. „Von anderen Firmen weiß ich, dass oft mit dem Kochen durchroutiert wird, aber Architekten sind einfach oft bessere Architekten als Köche“, so Lüth lachend.

Spiel mit Möglichkeiten:  Schwerkraft, nein danke! Im Spielturm können Kinder frei herumwirbeln – aber den Raum auch ganz anders nutzen. Die Architekten sahen ihre Aufgabe darin, gewohnte Bewegungsmuster neu zu definieren.

Fotos: David Schreyer

Form-Faszination: Das innovative Restaurant und Café „Daniels“ im Garten öffnet den Besuchern einzigartige Blicke auf Berge, Park oder Spielturm.

Fotos: David Schreyer

Wegweisendes Best-Practice-Beispiel für digitale Architektur: Nur mit Hilfe des Computers ließ sich die kreative Idee umsetzen. Eine spiralförmige Installation aus Licht und Ton weist den Weg zum neuen Shopping-Bereich.

Foto: Patrick Lüth