Die Tanzcompany Innsbruck hat sich unter der Leitung des Spaniers Enrique Gasa Valga einen weltweiten Ruf erobert. Die Vorstellungen des internationalen Ensembles im Tiroler Landestheater sind regelmäßig ausverkauft. Reportage aus der choreografischen Werkstatt.  

Luftsprünge

TEXT · Barbara Wohlsein
FOTOS · Regina Recht

„And one and two and three and …“ Ballettmeisterin Martine Reyn wirft der Pianistin einen Blick zu, und los geht’s. Mit fließenden Bewegungen beginnen die 17 Tänzer der Tanzcompany Innsbruck ihr Training. Die Hände ruhen wie aufgefädelt auf den Ballettstangen, immer wieder werden Kontrollblicke in den Spiegel geworfen. Die Schrittfolgen, die Reyn in einer Mischung aus Französisch, Englisch und Deutsch („Relevé und links und one and two“) diktiert, scheinen wie eingebrannt, und doch ist es sichtlich harte Arbeit, den Körper jeden Tag aufs Neue auf Betriebstemperatur zu bringen.

Zu Beginn tragen alle noch warme Pullover und Hosen, die Füße stecken in weichen Aufwärmstiefeln. Die ersten Übungen werden besonders vorsichtig ausgeführt, schließlich will man sich nicht verletzen. Dass die letzte Vorstellung von „Gefährliche Liebschaften“ gerade einmal zwölf Stunden her ist, merkt man den Tänzern nicht an. Training ist Training, die Muskeln schmerzen nicht mehr als sonst.

Bis in die Muskelfasern
Martine Reyn schreitet während des Trainings anmutig durch den Proberaum, macht Bewegungsabläufe mit, gibt mit Blicken und kleinen Gesten individuelle Anweisungen. Der durchtrainierte Körper und die Haltung verraten die einstige Solotänzerin. Die Company hat zweifelsohne großen Respekt vor der 45-Jährigen, trotzdem herrscht eine freundliche, wenn auch konzentrierte Stimmung.

Mit steigender Intensität des Trainings verschwinden die Kleidungsschichten. Zuerst die Stiefel, dann die Pullis und die warmen Hosen. Zwischen den fixen Schrittfolgen bauen die Tänzer immer wieder individuelle Dehnungsübungen ein. Sie wissen am besten, wo es gerade zwickt, und kennen ihre Körper bis in die feinste Muskelfaser. 75 Minuten dauert das Training, am Schluss sind die Gesichter gerötet und die Trikots durchgeschwitzt.

Internationales Flair
Wer die Tanzcompany nur von den Zuschauerrängen aus kennt, ist im Tageslicht des Proberaumes überrascht, wie jung die Tänzer sind. Ohne Bühnen-Make-up und mit ihren Smartphones in der Hand sehen sie aus wie Studenten am nahegelegenen Unicampus. Vor dem Training hört man im Proberaum ein Stimmengewirr aus Englisch, Italienisch und Französisch. Die Tänzer kommen aus Frankreich, Italien, Russland, Australien, Deutschland, Kanada, Japan, China, Mali, der Schweiz und Albanien. Die knappe Freizeit verbringt man fast ausschließlich gemeinsam – in Restaurants, Bars und auch mal in Nachtclubs. Es gibt auch einige Paare unter den Tänzern.

Samuel Francis Pereira stammt aus Melbourne, ist 23 und seit der Spielzeit 2015/2016 Mitglied der Tanzcompany Innsbruck. Zuvor war er ein Jahr im Corps de Ballet des Slowakischen Nationaltheaters in Bratislava. „Da war ich einer von 70 Tänzern und durfte irgendwo in der zweiten Reihe ein Tablett halten“, erzählt er lachend. Nach seinem Wechsel nach Innsbruck ging es dann schnell: Im Herbst 2015 tanzte er die Hauptrolle im Stück „Peer Gynt“ – die erste seiner Karriere. „Das ist natürlich großartig, dass man hier sofort eine solche Chance bekommt“, sagt der Australier. Mit Tirol musste er sich erst langsam anfreunden: „Ich hatte zuvor noch nie Berge gesehen. Und es ist so kalt hier.“

Standing Ovations
Über diese Aussage kann seine Kollegin Anna Romanova nur schmunzeln. Die 25-jährige Russin stammt aus Nowosibirsk. „Mit sibirischen Verhältnissen hat der Tiroler Winter natürlich nichts zu tun“, sagt sie. Ausgebildet wurde sie in Moskau und in der Schweiz, es folgten Engagements in Deutschland, Russland und Dänemark. Romanova hatte über Mundpropaganda von der Tanzcompany Innsbruck gehört und sich dann entschlossen, hier vorzutanzen. „Als ich zum Casting herkam, war ich extrem müde, aber ich hatte sofort ein gutes Gefühl, als ich aus dem Taxifenster auf die Stadt geschaut habe.“

Beim täglichen Training feilen die 17 Tänzer an ihrer Technik und erarbeiten neue Choreografien.

An der Tanzcompany schätzt Anna Romanova, „dass die Truppe sehr divers ist – jeder hat seine Stärken und darf diese auch einbringen“. Die größte Herausforderung ist für sie das Spannungsfeld zwischen klassischem Ballett und Modern Dance: „Wenn man sich von den perfekten Abläufen hin zu mehr Persönlichkeit und Individualität bewegt, dann wird es richtig interessant.“ Vom Innsbrucker Publikum wird sie immer wieder überrascht: „Ich habe hier zum ersten Mal Standing Ovations erlebt.“

Mit stehenden Ovationen wurde auch Samuel Maxteds Leistung in „Gefährliche Liebschaften“ quittiert. Der 25-jährige Australier tanzt die Hauptrolle in dem Stück, das auf dem gleichnamigen Roman von Pierre-Ambroise-Francois Choderlos de Laclos basiert. Im Proberaum zeigt er nicht ohne Stolz die Kratzer und blauen Flecken, die er von der Vorstellung am Vorabend davongetragen hat. Maxted ist eine der schillerndsten Figuren in der Company. 1,86 Meter groß, breite Schultern, Waschbrettbauch, beeindruckende Bühnenpräsenz. Auf seine Entscheidung, nach Innsbruck zu kommen, angesprochen, sagt Maxted: „Unser Tanzcompany-Leiter ist in ganz Europa bekannt.“ Enrique Gasa Valga klopft ihm auf die Schulter und lacht: „Weil ich so gut aussehend bin, sag das bitte dazu.“

Fußballer oder Torero
Zwölf Jahre ist es her, dass Enrique Gasa Valga als Tänzer nach Innsbruck kam. „Tirol liegt genau in der Mitte von Europa, das hat mir gefallen“, sagt der gebürtige Katalane. Sein Deutsch ist mittlerweile sehr gut, sogar ein paar Dialektanwandlungen – etwa bei Wörtern mit dem typischen Tiroler „ch“ – sind zu hören. Gelegentlich rutscht noch ein englisches oder spanisches Wort dazwischen, doch dieser Sprachenmix fällt in einer so internationalen Umgebung nicht auf. 2009 übernahm der heute 40-Jährige die Leitung der Tanzcompany. Zu diesem Zeitpunkt hatte er genug vom Profitanz, wusste aber gleichzeitig, dass er im Theaterbetrieb bleiben wollte. „In meiner Heimat Spanien musst du Fußballer oder Torero werden, wenn du es zu etwas bringen willst“, sagt Gasa Valga. In Österreich bemerkte er schnell ein höheres Kultur-Bewusstsein. Deshalb nahm er das Angebot der damaligen Landestheater-Intendantin Brigitte Fassbaender an und übernahm die Leitung der Tanzcompany Innsbruck.

Seit 2009 leitet der gebürtige Katalane Enrique Gasa Valga die Tanzcompany Innsbruck, zuvor war er selbst Tänzer am Landestheater.

In den sieben Jahren, die seither vergangen sind, hat sich einiges getan. Die Company hat sich in Europa einen Namen gemacht. Gasa Valga: „Am Anfang haben sich vor allem Tänzer aus dem spanischen Sprachraum bei uns beworben, weil ich in dieser Szene bekannt war. Mittlerweile kommen sehr gute Tänzer aus der ganzen Welt zu unserem jährlichen Casting, das freut mich natürlich.“

Fast immer ausverkauft
Die Kulturstadt Innsbruck hat für Enrique Gasa Valga in den letzten Jahren einen riesigen Sprung gemacht. Das heimische Publikum habe ein hohes Verständnis für Tanz entwickelt. „Die Tiroler wissen, was gut ist. Das setzt mich bei jeder Produktion neu unter Druck.“ Die Tatsache, dass die Vorstellungen der Tanzcompany fast immer ausverkauft sind, bestätigt jedoch seinen Weg.

In den letzten Jahren hat Gasa Valga unter anderem Klassiker wie „Peer Gynt“, „Carmen“, „Madama Butterfly“ und „Dantes Inferno“ als Tanzstücke ins Tiroler Landestheaters gebracht. Auf ein spektakuläres Bühnenbild wird bei den Inszenierungen ebenso Wert gelegt wie auf die Kostüme und die Musik. „Er weiß ganz genau, was das Publikum sehen will“, sagen seine Tänzer. Enrique Gasa Valga erklärt seine Entscheidungen mit „Bauchgefühl, Mut und Vertrauen“.

Im Dezember 2015 stand Enrique Gasa Valga sogar noch einmal als Tänzer auf der Bühne – wenn auch eher unfreiwillig. Samuel Francis Pereira hatte sich verletzt und konnte die Sprungpartien in „Peer Gynt“ nicht mehr tanzen. Da kein anderes Companymitglied die Partie tanzen konnte, übernahm der Tanzdirektor persönlich die Sprungsequenzen. Und wie lief es? „Nach oben ging es gut“, erinnert er sich schmunzelnd, „aber der Boden war schneller wieder da als früher.“

Ein Blick hinter die Kulissen des Stücks „Gefährliche Liebschaften“, das Enrique Gasa Valga für die Tanzcompany choreografiert hat.

Das Innsbrucker Publikum verehrt die Tanzcompany – viele Tänzer haben hier zum ersten Mal Standing Ovations erlebt.

Die Tänzer im Wordrap

Anna Romanova

25 Jahre
Herkunftsland: Russland
Bei der Tanzcompany seit: 2015
Lieblingsplatz in Innsbruck: Theaterbühne
und die Bar im Grauen Bär
Typisch tirolerisch: Föhn

Maiko Furuuchi

(will kein Alter angeben)
Herkunftsland: Japan
Bei der Tanzcompany seit: 2013
Lieblingsplatz in Innsbruck: Berge
Typisch tirolerisch: Schuhplattler

Gabriel Marseglia

24 Jahre
Herkunftsland: Italien
Bei der Tanzcompany seit: 2013
Lieblingsplatz in Innsbruck: Seegrube
Typisch tirolerisch: Kasspatzln

Lore Pryszo

23 Jahre
Herkunftsland: Frankreich
Bei der Tanzcompany seit: 2012
Lieblingsplatz in Innsbruck: Baggersee
Typisch tirolerisch: Schuhplatteln

Mingfu Guo

25 Jahre
Herkunftsland: China
Bei der Tanzcompany seit: 2015
Lieblingsplatz in Innsbruck: Landestheater und die Berge
Typisch tirolerisch: Föhn

Léo Maindron

23 Jahre
Herkunftsland: Mali
Bei der Tanzcompany seit: 2014
Lieblingsplatz in Innsbruck: Baggersee
Typisch tirolerisch: Jodeln

Lara Brandi

22 Jahre
Herkunftsland: Italien
Bei der Tanzcompany seit: 2013
Lieblingsplatz in Innsbruck: Altstadt
Typisch tirolerisch: Apfelstrudel

Samuel Maxted

24 Jahre
Herkunftsland: Australien
Bei der Tanzcompany seit: 2013
Lieblingsplatz in Innsbruck: Patscherkofel
Typisch tirolerisch: die Bergkulisse, die grünen Wiesen, die schneebedeckten Berge

Nikolli Albert

20 Jahre
Herkunftsland: Albanien
Bei der Tanzcompany seit: 2014
Lieblingsplatz in Innsbruck: Baggersee
Typisch tirolerisch: Fleischkäsesemmel

Marie Stockhausen

41 Jahre
Herkunftsland: Deutschland
Bei der Tanzcompany seit: 2006
Lieblingsplatz in Innsbruck: Mühlau/Arzl
Typisch tirolerisch: Ski

Samuel Francis Pereira

23 Jahre
Herkunftsland: Australien
Bei der Tanzcompany seit: 2015
Lieblingsplatz in Innsbruck: Nordkette
Typisch tirolerisch: frisches Obst und Gemüse

Federico Moiana

22 Jahre
Herkunftsland: Schweiz
Bei der Tanzcompany seit: 2015
Lieblingsplatz in Innsbruck: Wiltener Platzl, Nordkette
Typisch tirolerisch: Spinatspatzln

Jeshua Costa

23 Jahre
Herkunftsland: Italien
Bei der Tanzcompany seit: 2014
Lieblingsplatz in Innsbruck: die Berge
Typisch tirolerisch: Strudel

Alice White

24 Jahre
Herkunftsland: Australien
Bei der Tanzcompany seit: 2015
Lieblingsplatz in Innsbruck: Altstadt zur Weihnachtszeit
Typisch tirolerisch: Kasspatzln