Mythos Berg

Tausende Gipfel ragen in den Himmel über Tirol – 573 davon höher als 3.000 Meter. Sie prägen Land und Leute. Fünf Tiroler erzählen, warum das Gebirge mehr ist als nur ein Landschaftsmerkmal.

AUFGEZEICHNET · Daniel Feichtner
FOTOS · Hans Herbig, Jörg Koopmann, Laurin Moser & Alexander Ziegler

Im Schatten des Glockners 

„Der Großglockner prägt uns Kalser und den Ort Kals seit vielen Generationen. Unsere Beziehung zum Berg ist Mitte des 19. Jahrhunderts eine andere geworden. Damals, als das Interesse für den Alpinismus rasch anwuchs, ist der Großglockner zu mehr geworden als zu einem Sinnbild der gefährlichen Natur.

Die ersten Berghütten wurden errichtet, und die Vorfahren der Kalser konnten dank ihrer Erfahrung im Gebirge als Bergführer oder als Versorger von Hütten Geld verdienen. Sie haben das Fundament für eine Symbiose mit dem Berg gelegt, die bis heute anhält, ja noch tiefer geworden ist. Sie haben ihren Respekt und ihr Wissen über das Leben im Gebirge an uns weitergegeben.

Auf den Berg zu gehen gehört für viele auch heute zum Alltag – in der Freizeit genauso wie im Beruf. Den Großglockner und seine markante Glockenform, die ihm seinen Namen gibt, kennen Bergsteiger aus aller Welt. Und seinetwegen kommen zahlreiche Alpinisten zu uns, um ihn unmittelbar zu spüren und zu erleben.“

Joseph Haidenberger, Dorfchronist, Kals

Immer im Blick: Der Großglockner, Österreichs höchster Berg, prägt den Osttiroler Ort Kals und seine Bewohner.

Am Berg, mit dem Berg

Franz Klotz ist Bergbauer mit Leib und Seele. „Eigentlich schon seit meiner Geburt“, meint der 70-Jährige, der mit seiner Familie Mitteleuropas höchstgelegenen Bergbauernhof – den 420 Jahre alten Rofenhof im Ötztal – bewirtschaftet. Er weiß, was es bedeutet, am und mit dem Berg zu leben: „Hier oben braucht man Passion für das, was man tut – und Geduld.“ Auf 2.014 Meter ist es die Natur, die den Alltag bestimmt. Und sie muss genommen werden, wie sie ist.

Am Anfang und am Ende eines Tages, der oft bis nach 21.00 Uhr dauert, steht das Vieh, wenn es nicht gerade auf der Alm ist. Aber davor, gleich wenn um 6.00 der Wecker läutet, wirft Klotz als Erstes einen Blick aus dem Fenster. Denn das Wetter entscheidet, was es zu tun gibt; und er kennt die Zeichen und weiß sie zu deuten. „Schnee liegt bei uns lange“, meint der Bergbauer. „Oft bis weit in den Frühling. Und 30 Zentimeter im September sind keine Seltenheit.“ Deswegen gilt es im kurzen Sommer jeden sonnigen Tag zu nutzen, um teilweise von Hand mit der Sense zu mähen und das Heu einzubringen, mit dem die Schafe, Kühe und die Haflinger gefüttert werden.

Franz Klotz, Bergbauer, Vent

 420 Jahre alt ist der Rofenhof in Vent im hinteren Ötztal und heute Mitteleuropas höchstgelegener Bergbauernhof.

Sieg, Ehrfurcht und Dankbarkeit

„Auf zahlreichen Tiroler Bergen, wohl mehr als tausend, stehen Gipfelkreuze. Sie sind Ausdruck eines mehr als zwei Jahrhunderte alten Phänomens – und das hat seine Wurzeln nicht nur in der Religion. Die ersten Kreuze wurden schon 1799 am Klein und 1800 am Großglockner errichtet – jeweils aus Anlass ihrer Erstbesteigung. Sie sollten einerseits den Gipfelsieg versinnbildlichen, andererseits waren sie Ausdruck von Demut und Dankbarkeit. Denn Gipfel waren auch Tabuzonen und man nahm an, dass man sich dort nicht aufhalten könne. Zugleich verhießen sie jedoch Nähe zum Himmel.

Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg haben die Kreuze außerdem Denkmalcharakter: Damals wurden viele sogenannte Heimkehrerkreuze errichtet. Durch sie drückten die Zurückgekehrten ihre Dankbarkeit dafür aus, überlebt zu haben. Zugleich taten sie das im Andenken an die Gefallenen. Mittlerweile nehmen die Kreuze künstlerische Gestalt an. Einige von ihnen inkorporieren Symbole aus anderen Religionen. Damit sind sie nicht nur Ausdruck der Beziehung zwischen Mensch und Natur, sondern auch Sinnbild des Berges als Begegnungsraum der Kulturen.“

Wolfgang Kunz, Kulturanthropologe, Innsbruck

Mehrere Hundert – wohl mehr als tausend – Gipfelkreuze stehen auf Tiroler Gipfeln. Einerseits versinnbildlichen sie den Gipfelsieg, andererseits sind sie Ausdruck von Demut und Dankbarkeit.

Der Berg als Prüfung

„Das Ziel zu erreichen – egal ob mein eigenes oder das des Gastes – macht süchtig“, meint Ernst Eiter. Er hat 33 Jahre Erfahrung als Bergführer und kennt das Pitztal wie seine Westentasche. Und doch: Wenn es ans Aufbrechen geht, ist „jede Bergtour eine Prüfung“. Wenn er dann am Gipfel steht, fühlt es sich für Eiter jedes Mal an, „als hätte man mit einer Eins bestanden“.

Für den Pitztaler ist der Berg Passion und Familientradition. Schon mit zehn war er als Hirte im Gebirge unterwegs und trat später in die Fußstapfen seines Vaters. Als Bergführer erfüllt er viele Rollen. Er ist Motivator und Schrittmacher, aber auch Planer und Verantwortlicher. Denn für Eiter sind im Gebirge Vorbereitung und Verantwortungsbewusstsein alles. „Am Berg zählen Achtung, Respekt und Ehrlichkeit – vor der Natur und vor sich selbst. Körper und Geist müssen sich dem Berg anpassen – denn der Berg passt sich niemandem an. Aber wenn das gelingt und man völlig im Moment ist, ist es wunderschön. Wenn man die gigantische Natur um sich aufnimmt, verschwindet der Alltag. Das macht bescheiden, gibt zugleich Mut und baut auf.“

Ernst Eiter, Bergführer, St. Leonhard im Pitztal

„Am Berg zählen Achtung, Respekt und Ehrlichkeit – vor der Natur und vor sich selbst“, sagt Bergführer Ernst Eiter aus dem hinteren Pitztal. Er führt jeden Winter zahlreiche Bergfexe auf die Wildspitze. 

Bühne mit vielen Gesichtern

„Das Gebirge ist seit jeher Schauplatz von Geschichten. Früher waren es Sagengestalten und Götter, die in den kaum erkundeten Bergen ihre Heimat fanden. Diesen Schleier hat die ‚Entdeckung‘ der Bergwelt mittlerweile gelüftet. Dennoch ist sie auch heute ein Ort von Extremen – und damit Katalysator für Erkenntnis und Selbsterkenntnis. Ihre rohe und ungefilterte Natur zwingt Protagonisten dazu, Farbe zu bekennen. Das bringt ihr wahres Ich zum Vorschein. Zugleich sind Berge Symbol des Ursprünglichen, Natürlichen und Geborgenen – ein Sinnbild von Heimkehr oder Rückzug. So hat ihre Urlandschaft einen fixen Platz in Kunst, Theater, Literatur und Film und kann verschiedenste Botschaften transportieren.

Das beweist auch die Entdeckung der Alpen durch die indische Filmindustrie, die alleine seit 1999 in Tirol 86 Produktionen gedreht hat. In Indien gelten Berge bis heute als mystischer Sitz der Götter. Zugleich stehen sie für angenehmes Klima und schattenspendende Vegetation und vermitteln exotisches Flair. Schon das macht sie zum idealen Schauplatz.“

Johannes Köck, Leiter Cine Tirol

Schauplatz von Geschichten: Seit 1999 wurden in Tirol allein von der indischen Filmindustrie 86 Produktionen gedreht.

Gipfel der Selbsterfahrung

Der Philosoph, Historiker und Germanist Konrad Paul Liessmann über die Frage, warum Menschen mehr denn je von Bergen fasziniert sind.

INTERVIEW · Daniel Feichtner

Berge sind für viele mehr als reine Gesteinsformationen. Als was manifestiert sich der Berg in den Köpfen der Menschen?

Das hängt sicher davon ab, ob man in oder auf den Bergen lebt, oder die Berge als Flucht- und Sehnsuchtsorte erfährt. Der Berg: Das ist erst einmal ein Anblick, der eine andere, höhere, aber auch schroffere Welt offenbart. Aber es lohnt sich, diese Welt zu besteigen. Im Kopf schwirrt es deshalb von Metaphern aus der Welt der Berge: Mit der Konjunktur geht es bergauf, man ist auf dem Gipfel seines Ruhms, eine Talsohle wird auch in der Wirtschaft durchschritten, man bewegt sich in dünner Luft, und von nun an geht’s, wie Hildegard Knef sang, bergab.

Berge wurden und werden oft zu Ikonen, in Kunst, Kultur und Religion.

Berge und Gebirge gehörten zwar lange zur Erfahrungswelt der Menschen, ihnen wurde aber keine besondere Aufmerksamkeit zuteil. In vielen Gemälden waren sie einfach Teil einer Weltlandschaft, zu der auch Flüsse, Städte, Burgen und Ebenen zählten. Erst im 18. Jahrhundert werden die Alpen als eigenständiges Sujet entdeckt und künstlerisch dargestellt. Viele unserer Vorstellungen vom Berg rühren noch immer von diesen Bildern: der Wechsel von Wald und Fels, Eis und Schnee, einsame Gehöfte und Wanderer, Alpenglühen und klare Luft.

Früher waren Gebirge mystischer Sitz der Götter oder Symbol für die gefährliche, wilde Natur. Sie wirkten furchtgebietend unerreichbar. Wie kommt es, dass der Berg heute erlebens- und entdeckenswert erscheint?

Von Hannibal bis Napoleon waren die Alpen nur ein gigantisches, lebensbedrohendes Hindernis. Wer das Gebirge überqueren wollte, musste mit allem rechnen. Die moderne Technik und die damit verbundenen Reisemöglichkeiten haben den Bergen über weite Strecken ihren Schrecken genommen. Die Alpen wurden erschlossen und technisiert: Straßen, Aufstiegshilfen, Lifte, Gondelbahnen, gesicherte Wege und Steige. Zum anderen haben die Alpen als Lebensraum an Bedeutung verloren – Forst- und Landwirtschaft sind marginalisiert. Aber die Industrialisierung hat auch dazu geführt, dass sich die Menschen in den schmutzigen und lauten Städten nach Ruhe, klarer Luft und unberührter Natur gesehnt haben. Gerade die Alpen boten sich an, diese Bedürfnisse zu befriedigen.

Waren die moderne Technologie und das Wissen um die Natur Auslöser für diese neue Perspektive auf die Berge, oder hat sich zuerst in den Köpfen der Betrachter etwas verändert?

Die Veränderung hat, wie vieles, zuerst in den Köpfen stattgefunden. Im Jahre 1729 veröffentlichte der Schweizer Naturforscher Albrecht von Haller den Gedichtzyklus „Die Alpen“. Das war eine Mischung aus naturkundlicher Reportage und romantischer Verklärung. Wer diese Gedichte gelesen hatte, konnte schon neugierig werden auf diese wunderbare, bizarre, gefährliche und schöne Welt.

Berge sind heute Sinnbild des zu Erreichenden – der Gipfel des Erfolgs, um Ihren Sprachbildern noch eines hinzuzufügen. Woher rührt dieser Drang, unbedingt den höchsten Punkt zu erreichen?

Das hat viel mit dem Leistungsdenken der modernen Gesellschaft zu tun. Für die Bewohner der Berge waren die kahlen Felsen und vergletscherten Gipfel vollkommen uninteressant. Erst die forschende Neugier des aufgeklärten Europäers löste die Gipfelstürme aus. 1802 besteigt Alexander von Humboldt als Naturforscher den Vulkan Chimborazo in den südamerikanischen Anden und kommt fast bis zum über 6.000 Meter hoch gelegenen Gipfel. Mit der Etablierung des Bergsteigens als Sport im Laufe des 19. Jahrhunderts war dann der Weg frei für Gipfelstürmer aller Art: Als Erster oben gewesen zu sein, als Schnellster, wo noch niemand war – das waren die neuen Ziele einer rekordversessenen Leistungsgesellschaft.

Berge werden aber auch mit Ruhe, Freiheit und Weitblick assoziiert. Ein Widerspruch zur Herausforderung, zum körperlichen Aufwand und zum Drang zum „Sieg“?

Das sind zwei unterschiedliche Arten, die Berge zu sehen und mit ihnen umzugehen. Der moderne Sporttourismus sieht die Berge ohnehin nur als Staffage und Hintergrund für bestimmte Sportarten. Dass die Berge in der Natur vorkommen, dass es also schlechtes Wetter geben kann, unberechenbare Tiere, wenig Schnee oder gar Lawinen, all das wird doch als störend empfunden und nach Möglichkeit eliminiert. Man kann Berge auch als Natur mit all ihren schönen und schrecklichen Seiten akzeptieren und in ihnen das suchen und finden, woran es in der modernen Zivilisation mangelt: Ruhe, Klarheit, Einsamkeit, Besinnung. Das hat schon Friedrich Nietzsche in die Alpen getrieben. Aus den beiden Sichtweisen ergeben sich zwei unterschiedliche Tourismuskonzepte.

Kann man sagen, dass Berge nicht nur die Landschaft, sondern auch die Menschen prägen, die sich darin aufhalten oder gar ihr Leben dort verbringen?

Die Umgebung, in der man lebt, prägt einen immer mit. Bergbewohner kennen den Wechsel zwischen Enge und Weitblick, zwischen den Mühendes Aufstieges und der Lust an der Überwindung, den Kampf mit den eigenen Möglichkeiten in anderer Weise als Stadtbewohner und Bewohner des flachen Landes. Wer im Gebirge seinen Urlaub auf sinnvolle Weise verbringt, wird den Berg als ein Medium der Selbsterfahrung schätzen lernen.