Schnitt-Stelle zwischen
Tradition & Moderne

Seine Kunden leben in Metropolen, sein Atelier hat er im Villgratental. Die urige Gegend inspiriert den Osttiroler Modedesigner Bernd Mühlmann zu Kollektionen in raffiniert puristischem Look – gerne aus Loden und Walk.

TEXT · Klaus Erler
FOTOS · Peter Neusser

Unaufgeregt präsentiert sich der Namenszug „Mühlmann“ an der schmucklosen Fassade des zweistöckigen Firmensitzes am Rande der Gemeinde Außervillgraten. In Sichtweite Bauernhäuser aus dunklem, Jahrhunderte altem Holz, ringsum Wald und Berge: Dass hier der international erfolgreiche Designer Bernd Mühlmann nicht nur seine Mode designt und produziert, sondern auch einen Flagship-Store betreibt, würde niemand erwarten.

Doch wer den modern-urban eingerichteten Verkaufsraum betritt, lässt das traditionelle Osttirol weit hinter sich: Interpretationen von Fünfzigerjahre-Cabrioschals, Sweater mit raffinierten Details, unaufdringlich-elegante Mäntel, Jacken im spannenden Materialmix oder das eng anliegende Bürokleid ergeben eine modische Parallelwelt. Auf den ersten Blick wird klar: Hier ist ein Designer mit unverwechselbarem Stil am Werk.

An der Wand befinden sich fotografische Ansichten aus den Dreißigerjahren. Sie zeigen eine Inspirationsquelle Bernd Mühlmanns: die traditionellen Arbeits- und Alltagsgewänder der Osttiroler Bauern. In kontrastreichem Schwarz-Weiß zeigen die Bilder schlichte funktionale Bekleidung, in den Spitz-Kapuzencapes und ponchoartigen Wetterflecken des Modemachers genauso weiterlebt wie die traditionellen Materialien Loden und Walk. Diese Materialen sind wesentlich für die Arbeit des Osttiroler Designers, umso mehr, als sie inzwischen das „ursprünglich Kernige“ verloren haben und sich ausgesprochen fein tragen lassen.

Auffallen durch Zeitlosigkeit 
Mühlmann weiß, was seine Kunden bei ihm suchen und finden wollen: „Eine ganz spezielle Mode-Qualität.“ Die beginnt beim Design und zeigt sich über den meist in der Region hergestellten Stoff bis hin zur Verarbeitungsqualität. Mode ist für ihn eine Möglichkeit, aus der breiten Masse herauszutreten und sich als Individuum zu präsentieren, ohne dabei auf Zeitlosigkeit zu verzichten.

„Mühlmann“-Träger suchen auch nicht den schnellen Effekt, sie wollen auf eine unaufgeregte Art und Weise auffallen. Dass aufdringliche Farben in Mühlmann- Designs weitgehend fehlen, verwundert daher nicht. Der Modedesigner bevorzugt erdige Töne, die bestens mit den verwendeten Naturmaterialien wie Schafwolle harmonieren. „Mühlmann“ steht, so formuliert es der Designer, insgesamt für „Tag- und Abendmode, die non-seasonal und unkompliziert zu tragen ist“.

Verzicht auf klassische Karriere 

Vom „Mühlmann“-Store aus gelangt man in die traditionelle Änderungsschneiderei: Dort wird eine „etwas undankbare Arbeit“ verrichtet, wie Bernd Mühlmann findet, weil „klassische handwerkliche Arbeit kaum mehr kostendeckend betrieben werden kann“. Aufhören will er mit dieser Reminiszenz an den alten Betrieb aber auch nicht – „weil sie einfach zum Handwerk gehört“.

Diese Aussage spiegelt viel vom Selbstverständnis des Osttiroler Modedesigners am Schnittpunkt zwischen ländlichem Traditionsbetrieb und urbanem Modedesign wider.

Er produziert in Osttirol und verkauft neben dem Geschäft in Außervillgraten auch im eigenen Flagship-Store in Innsbruck sowie online. Fünf weitere österreichische und deutsche Läden führen „Mühlmann“-Mode, pro Jahr wird so ein Umsatz von rund einer Million Euro erwirtschaftet. Trotz internationaler Aufmerksamkeit, die seine Mode unter anderem auf der Fashion Week Berlin erregte, beschloss Mühlmann bereits 2011, keine klassische Modedesigner-Karriere zu verfolgen. Damals hätte er zwar viele Kunden hinzugewinnen können, damit aber primär nicht den Umsatz gefördert, sondern vor allem das unternehmerische Risiko.

Zurückgekehrt in die Nische zwischen Handwerk und Design, fühlt sich Mühlmann mit seiner Entscheidung seitdem rundum wohl: „Marken-Wachstum geht nicht ohne das Auslagern des Handwerks zum zwischengeschalteten Konfektionär – diesem Zwang bin ich entgangen.“ Wachstum heißt für Bernd Mühlmann nicht mehr, dass der Betrieb größer wird, sondern: Die Designqualität steigt bei stetig verbesserten Verarbeitungsmethoden. Die Konfektion soll überschaubar bleiben, damit wenigen Teilen größtmögliche handwerkliche Aufmerksamkeit zukommt.

Eigene Wege suchen
Der gerade modernisierte Lastenaufzug führt von der Änderungsschneiderei in die oberen Etagen des Firmengebäudes. Im ersten Stock passiert die Produktion: Es ist ein allgegenwärtiges Brummen und Vibrieren, das von zahlreichen Näh- und Schneidemaschinen ausgeht. Die Schneiderinnen haben sich daran längst gewöhnt.

Im zweiten Stock öffnet sich hinter einer altertümlichen hölzernen Doppelschwingtüre ein großer, hoher Raum: das neue „Mühlmann“-Designbüro. Die überlegte Inneneinrichtung gemahnt an ein New Yorker Loft. Ein fast schwarzer Boden steht im harten Kontrast zu den hellen Mauern. Fotos, Bilder und Installationen von befreundeten Künstlern durchbrechen das Weiß der Wände, über das ab den späten Vormittagsstunden erste Sonnenstrahlen wandern.

Zwischen drei Polen entsteht hier kreative Spannung: Da ist in der einen Ecke der Schreibtisch, in der anderen Ecke hinter einem Mauervorsprung ein Bechstein- Flügel, gegenüber ein Langtisch.

An den Flügel setzt sich Bernd Mühlmann, wenn er abschalten will, am Schreibtisch arbeitet er den alltäglichen unternehmerischen Schriftverkehr ab, der Langtisch wird zum Ort, an dem die neuesten Kollektionen entstehen. Hier finden sich stets griffbereit auch die Farb- und Stoffmuster der jeweils aktuellen Modelle.

In der Wintersaison 2016/2017 dominieren bei Mühlmann dunkle Braun- und Blauschwarztöne, dazu Petrol und Fuchs. Die Schnitte zeichnen sich unter anderem durch offene, nicht abgesteppte Kanten aus, ein Stil, den auch japanische Designer pflegen. Dahinter offenbart sich „eine immer wieder neu aufflammende Lust, aufzuzeigen, dass Mode neue Wege beschreiten kann, ohne dabei traditionelles Handwerk zu negieren“, wie Mühlmann es ausdrückt. 

In der Ruhe des Villgratentals, die hier im zweiten Stock deutlich wahrzunehmen ist, reifen Ideen, die einem Designer in Downtown New York vielleicht nicht kämen. Dort gibt es laut Mühlmann zwar mehr kreativen In- und Output. Der berge aber auch die Gefahr, zu kopieren statt „nach neuen künstlerischen und handwerklichen Wegen zu suchen, um eigene Lösungen zu finden“.

Freies Werken 
Laufend über das ganze Jahr werden am Langtisch neue Styles für Damen und Herren kreiert. Von jedem Teil werden zwischen 10 und 15 Exemplare gefertigt. Für diese kreative Arbeit muss Mühlmann sich innerlich frei fühlen. Eine noch nicht getätigte Überweisung an das Finanzamt, eine ausstehende Belegsammlung, eine Vorbereitung auf eine Betriebsprüfung bereiten Bernd Mühlmann jene Art von Stress, die sich negativ auf die Qualität des Entwurfes auswirken kann. „Beim Designen soll man nicht an das Geld denken“ lautet das dazugehörige Mühlmann-Credo.

Eine weitere Überzeugung besagt, sich erst gar nicht auf lange Diskussionen darüber einlassen, was der Designer hier überhaupt macht. Draußen im Dorf ortet Mühlmann verschiedenste Ansichten zu „Mühlmann“: Die einen schätzen, dass altes Handwerk in neuer Form am Leben erhalten wird. Die anderen stoßen sich an den höheren Preisen von Mühlmann-Mode. Sie liegen im mittleren Segment und seien unter Berücksichtigung aller Details weit fairer als die der großen Billigmodeketten.

Trotzdem lebt er lieber im Villgratental als zum Beispiel in London, wo man, um als Kreativer erfolgreich zu sein, unter enormem Druck stehe. So sieht sich Bernd Mühlmann ein wenig auch als Vorreiter einer neuen handwerklich-kreativen Bewegung, die sich aus den Zentren weg in die Randlagen und in die sogenannte Provinz bewegt. Verbindung zur „großen Welt“ hält er durch regelmäßige Besuche. Erfunden und erschaffen wird jedoch dort, wo die Kraft in der Ruhe liegt.

Traditionsbetrieb neu erfunden 

In den Sechzigerjahren gründete Bernd Mühlmanns Vater die Firma „Mühlmann“ als Schneiderei, die bis zu 86 Mitarbeiter beschäftigte. Anfang der Neunzigerjahre wurde immer mehr Konfektionsarbeit in Entwicklungsländer ausgelagert. Damals hätte es neue Ideen gebraucht, um den Betrieb auf altem Niveau weiterzuführen. Der Vater dachte jedoch traditionell und glaubte fest daran, dass die Aufträge von selbst wieder zurückkehren würden.

Seinem in Wien Mode studierenden Sohn Bernd offenbarte sich die prekäre Situation erst, als er nach Osttirol zurückkehrte.

Im Spannungsfeld zwischen traditioneller Denkweise und frischer Ideenwelt arbeitete er gemeinsam mit seinem Vater an der Neuorientierung des Schneiderbetriebes vom Ländlich-Trachtigen bis hin zur Moderne.

2007 starb der Firmengründer, 2008 wurde das Modelabel „Mühlmann“ gegründet und zeitgleich ein Flagship-Store in der Innsbrucker Altstadt eröffnet. Der Produktionsbetrieb in Außervillgraten hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine gesunde Größe erreicht.