„Upcycling“ nennt der Innsbrucker Architekt Johannes Münsch seine Methode, betagte Räume und Gebäude hip zu machen. Inzwischen prägen seine zahlreichen Projekte in der Tiroler Landeshauptstadt ein junges, urbanes Kulturleben. 

Vom Abfall zum Glücksfall

TEXT · Klaus Erler
FOTOS · Gregor Sailer

Aus einem ehemaligen Schweinebraten-Lokal sollte ein mexikanisches Restaurant
werden. Binnen zwei Monaten sollten sich die „Lausitzer Stuben“ in der Innsbrucker Anichstraße in das „Machete“ verwandeln – mit möglichst geringem finanziellen Aufwand natürlich. Und optisch sollte es mit Etablissements in den hipsten Vierteln von Berlin oder Hamburg mithalten können. Ein Fall für Johannes Münsch. Der Jungarchitekt realisierte schnell, dass ein behutsamer Umbau nicht in Frage kam, dass er und sein Team etwas brachialer vorgehen mussten. Mit dem schweren Hammer rückten sie zunächst den Verschalungen
und Trennwänden zu Leibe. Die mussten verschwinden, damit die dahinterliegenden, schlecht verputzten Wände zum Vorschein kommen konnten.

Heute spricht Münsch vom „Machete-Charme“, den diese Wände mit ihrer „relaxten Unvollkommenheit“ erzeugen. Er hat auch einen Namen für diese Art von Eingriff, bei der man sich für das Heruntergekommene nicht schämt, sondern es ordentlich herausputzt: Upcycling. Das bedeutet für Münsch: „Alt statt neu, Trend statt Stube.“

Dafür mussten sie im ehemaligen Schweinebraten-Wirtshaus auch die massiven Eichentische kappen und neu lackieren, sie sollten ja zur den couchartigen Sitzmöbeln passen. Die Wand wurde zum Objektträger für ein Regal, das aus unterschiedlichsten handgezinkten Schubladen zusammenwuchs. Dort stapeln sich seitdem Pflanzen, Getränke und Gegenstände des täglichen Restaurant-Lebens. Diese Schubladen waren das Billigste am ganzen Umbau, und ausgerechnet sie generierten die meiste Aufmerksamkeit. Eine Erfahrung, die in das Gedankengebilde des Upcycling Studios einfloss, das inzwischen Gestalt angenommen hatte: „Wir arbeiten wie die DJs, die alte Platten zu einem neuen Beat vermischen“, erklärt Münsch, „mit alten Dingen schaffen wir neue Räume, die so – oft erstmals – einem architektonischen Groove folgen.“ Brauchbares weggeben ist für ihn ein No-Go, Handwerksarbeiten erledigter am liebsten selbst. Seine Devise formuliert er auf Englisch: „Try to find Beauty in the Imperfection!“ – „Versuche, die Schönheit im Unperfekten zu finden!“

Einst die „Lausitzer Stuben“, jetzt das „Machete“: Aus einer verstaubten Schweinsbraten-Bude wurde Innsbrucks hipstes Burrito-Lokal.

Die „Seele“ freilegen 
Johannes Münsch ist in Konstanz am Bodensee geboren, in Innsbruck hat er studiert und dabei seine Idee des Upcycling entwickelt und verwirklicht. Und so wie Münsch aussieht, schlank, mit Truckercap und gepflegtem Bart, sind auch seine Projekte: jung, urban, trendig. Die zentralen Gedanken hinter Upcycling seien diese: „Konsumverzicht, Bewahren statt entsorgen, am Bau selbst Hand anlegen.“

Deshalb kommen bei seinen Projekten Gegenstände wie alte Waschbecken, Lampen, Türen oder Tische auch nicht in den Entsorgungscontainer, sondern werden in den Umbau integriert. Deshalb arbeiten Auftraggeber und das Upcycling-Team Hand in Hand auf der Baustelle, deshalb spart Münsch gleichzeitig Baukosten und gibt seinen Bauprojekten etwas Unverwechselbares mit: „‚Seele‘ –die entsteht, wenn wir die Coolness von Altem freilegen und damit Neues schaffen.“ 

Zur Person
/ Johannes Münsch, Jahrgang 1985
/ Geboren in Konstanz
/ Jugend in Ulm
/ Studium der Architektur an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
/ 2014 Abschluss des Studiums mit einer Diplomarbeit zum Thema: „Upcycling: Vom Abfall zum Glücksfall – Eine Annäherung an das Naheliegende“
/Staatsstipendium für Architektur 2014

Upcycling-Projekte mit Strahlkraft: die
mobile Kommunikations- und Besprechungszentrale
von ROLF Spectacles im Lechtal.

1.000 Quadratmeter Kreativität
Das Innsbrucker Upcycling Studio wurde nicht erfunden, sondern ist das Ergebnis einer langen Kette von Projekten und Erfahrungen. 2013 und 2014 bekam die Idee beim Tiroler Holzbrillen-Hersteller ROLF erstmals Dynamik. In Weißenbach am Lech hatte Münsch den Auftrag, eine 1.000 Quadratmeter große Fabrikhalle in eine vorzeigbare Produktionsstätte samt Büroräumen zu verwandeln. „Zunächst mussten wir uns durch ein Hallen-Durcheinander aus Oldtimern ohne Motor, von der Decke hängenden Booten, alten Seilbahnkabinen oder einem zwölf Meter langen Uralt-Bus kämpfen“, erinnert sich Münsch.

Alle vorhandenen Gegenstände wurden sortiert, was brauchbar war, wieder- und weiter verwertet. So blieben die Oldtimer als Eyecatcher erhalten, wanderten jedoch an den Hallenrand und machten Platz für zwei mobile Räume: Im einen entstand die moderne Kommunikations- und Besprechungszentrale, im anderen fand das Laser-Gravurgerät Platz. Gebaut aus 15 Quadratmeter großen hölzernen Übersee- Schiffstransportboxen, sind die Räume staub- und lärmgeschützt, auf Rollen gestellt voll mobil, durch eine breite Glasfront hell und einsichtig und so ein optischer Anziehungspunkt von innen und außen. Sollten es die sich ständig ändernden Arbeitsbedingungen bei ROLF erfordern, können zwei Personen sie ohne weitere Hilfsmittel innerhalb der Halle bewegen. Ein weiterer Eyecatcher in der ROLF-Halle ist ein sechs Meter hoher Lasten-Paternoster. Auf den ist Münsch besonders stolz: „Ihn haben wir als optisch einzigartige 1960er-Jahre- Ikone bei der Grundsanierung der Innsbrucker Architektur-Fakultät gerettet und bei ROLF wiederbelebt.“

Enge verschwindet
Beinahe zeitgleich startete im Herbst 2014 ein Projekt, das das Upcycling Studio gemeinsam mit der international tätigen Architektengruppe Snøhetta umsetzte: Die Räumlichkeiten der ehemaligen Waffenfabrik „Peterlongo“ in einem Stöckelgebäude in der Innsbrucker Maria-Theresien- Straße 57 sollten zum Architekturbüro umgebaut werden. Keine leichte Aufgabe, dort dominierten verschalte Wände, Gerümpel- Ansammlungen, staubige Ecken und beschränkende Grundrisse, die nicht so ganz zum Selbstverständnis eines modernen Architekturbüros passen wollten. Münsch riss einengende Rigipswände heraus und sorgte dafür, dass sich Raum auftat.

Jahrzehntealter Müll wurde entsorgt, die darunter- und dahinterliegenden uralten Dielenböden und rohen Wände wurden aufbereitet und entwickelten sich so zum unverwechselbaren Gestaltungsmerkmal des Snøhetta-Büros. „Charme statt Verstaubtheit, Inspiration im Traditionshaus war unsere Devise“, erinnert sich Münsch. Die habe so gut funktioniert, dass er 2015, nachdem Snøhetta in das angrenzende Gebäude umgezogen war, die Räumlichkeiten übernahm. Ein neues Upcycling-Hauptquartier im Herzen der Stadt war entstanden, von nun an ging es rund. Sommerkino, Soundevents, Werkstatt, kultureller Freiraum für Kreative: Upcycling war zum Überbegriff für junges urbanes Kulturleben geworden. 

Mit den Besitzern des „Machete“-Lokals arbeitet Johannes Münsch an neuen Terrassenmöbeln.

Aufwerten statt wegwerfen
Parallel dazu entstand Münschs nächstes Bau-Projekt, das im Sommer 2015 Gestalt annahm: das „Immerland“ im Innsbrucker Stadtteil Wilten. Aus einem einfachen Raumentwickelte sich ein trendiges Frühstückslokal mit 25 Sitzplätzen. Bleiben durften die Eichenparkett-Böden und die lange Sitzbank, die mit neuen Sitzpolstern versehen wurde, und seitdem halb so alt und doppelt so spannend wirkt und eine ganz neue Wirkung erzielt. Handgebaute Massivholz-Türen wurden zu Tischen und Sitzflächen, ein altes Hotel am Achensee erwies sich als Teilespender für Lampen. Die sind der ganze Stolz von Münsch. Er schwärmt: „Die zeigen frisch aufpoliert ihr ganzes Designpotenzial und lassen das ‚Immerland‘ im neuen Licht erstrahlen.“

Beratung am Bau
Das Upcycling Studio kann sich über mangelnde Aufträge nicht beklagen: In Zusammenarbeit mit der Crew des Lokals „Machete“ und dem Wirt des Innsbrucker Szene-Lokals „Jimmy’s“ nehmen seit Sommer 2016 weitere Projekte Gestalt an: Eine ehemalige Pizzeria in Zentrumsnähe verwandelt sich in eine 700 Quadratmeter große und in drei Zonen unterteilte Mischung aus Restaurant, Bar, Café und Ausstellungsfläche. Das Studenten-Lokal „Selles“ direkt an der Universitätsbrücke will mit neuer Einrichtung nicht mehr die Kulturträgen ansprechen, sondern die Kulturträger.

Johannes Münsch wird künftig ein Standbein des Upcycling Studios stärken: die Bau-Beratung. Er will in Innsbruck „ein Bewusstsein für die vorgefundenen architektonischen Qualitäten“ schaffen und so seinen Auftraggebern helfen, Geld zu sparen. Bewusstsein ist schließlich auch das Wort, bei dem Johannes Münsch immer wieder am längsten verweilt, wenn er Upcycling erklärt: „Ohne Bewusstsein lassen sich auch mit viel Geld keine spannenden architektonischen Prozesse verwirklichen, mit Bewusstsein bräuchte es oft weit weniger Geld als gedacht, um Neues entstehen zu lassen. Das ist Upcycling in seiner Essenz.“

Liebe im Detail, zum Detail: Das „Immerland“ entwickelte sich aus einem einfachen Raum in ein trendiges Frühstückslokal mit 25 Sitzplätzen. Handgebaute Massivholz-Türen wurden zu Tischen und Sitzflächen, ein altes Hotel am Achensee erwies sich als Teilespender für Lampen. Bleiben durften die Eichenparkett-Böden.