Waldrand trifft Laufsteg

Rebekka Ruetz präsentiert ihre Modekollektionen seit fünf Jahren auf der Berlin Fashion Week. Zum Kreativsein braucht sie die Ruhe Tirols.

TEXT · Barbara Wohlsein
FOTOS · Regina Recht
KOLLEKTIONSBILDER · Sylwia Makris

Jede Kollektion beginnt für Rebekka Ruetz mit einer Idee, die zu einem Motto ausformuliert wird. So entstand auch ihre aktuelle Frühjahrs- und Sommerkollektion „A Touch of Frida“.„Meine erste Inspiration waren Blumenmuster und der Wunsch, etwas sehr Buntes zu machen. Dann ist mir Frida Kahlo immer wieder untergekommen, und plötzlich war die Vision in meinem Kopf sehr konkret und dann auch schnell auf dem Papier“, erklärt die Tiroler Designerin beim Besuch in ihrem Atelier.

Neben den starken Farben und Blumenmustern kommt auch Kahlos berühmte „Monobraue“ immer wieder in den Kreationen vor – sowohl als Stoffprint auf den Kleidern als auch in den Gesichtern der Models. Die extrem breiten Gürtel sind dem Korsett nachempfunden, das Kahlo nach ihrem schweren Busunfall tragen musste. Und auch der für Rebekka Ruetz typische Materialmix findet sich in den Kleidern, Tops und Röcken wieder.

Das Lookbook zur Kollektion wurde in Tirol fotografiert. Als Location hat die Designerin einen leer stehenden Bauernhof am Hahntennjoch in der Gemeinde Pfafflar ausgewählt,der durch seine Kargheit und die umliegende Natur einen spannenden Kontrast zur farbenfrohen Prêt-à-porter- Mode bildet.

Glamouröser Akzent
Modedesign war immer schon Rebekka Ruetz’ Leidenschaft. Schon mit 14 Jahren wollte die Tirolerin nach Wien ziehen, um dort eine Fachausbildung zu absolvieren. Damals war die Mama dagegen. So besuchte Ruetz die Modeschule in Innsbruck, machte das Abitur und studierte anschließend an der Akademie Mode & Design (AMD) in München. Ihren Traum hat sie verwirklicht: 2010 gründete sie ihr Modelabel „rebekka ruétz“, seit 2011 präsentiert sie ihre Kollektionen zweimal pro Jahr auf der Berlin Fashion Week.

„Ich habe nach meinem Studium bei Peter Pilotto in London gearbeitet und dort schnell gemerkt, dass Metropolen zwar toll und spannend sind, ich in ihnen aber nicht kreativ sein kann.“

Der Akzent auf dem„e“ ist übrigens der einzige Unterschied zwischen ihrem realen Namen und dem Labelnamen. Dieser Akzent soll verhindern, dass aus dem typischen Tiroler Familiennamen Ruetz im norddeutschen Raum ein „Rütz“ wird. Außerdem macht diese Schreibweise den Namen etwas glamouröser und internationaler. „Mein Ziel sind nämlich Flagship-Stores auf der ganzen Welt“, sagt die Designerin.

Von London nach Tirol 
So wichtig die Publicity auf öffentlichen Bühnen wie der Fashion Week auch ist – Rebekka Ruetz’ Mode entsteht in der Abgeschiedenheit Tirols. „Ich habe nach meinem Studium bei Peter Pilotto in London gearbeitet und dort schnell gemerkt, dass Metropolen zwar toll und spannend sind, ich in ihnen aber nicht kreativ sein kann.“ Deshalb entschied sich Ruetz für die Rückkehr nach Tirol. Heute arbeitet sie in ihrem eigenen Atelier am Stadtrand von Innsbruck, in einer ruhigen Straße im Industriegebiet. Sie selbst wohnt in einem Dorf in der Nähe von Innsbruck, „ganz abgeschieden am Waldrand, sprichwörtlich am A… der Welt“, wie sie es selbst lachend beschreibt. 

Entspannung statt Hektik
„In der Ruhe liegt die Kraft“ – dieser Satz mag klischeehaft klingen, und doch ist es das Mantra,das sich Rebekka Ruetz immer wieder selbst verordnet. So gibt es zum Beispiel bei ihren Modeschauen nicht die klassische Hektik hinter der Bühne, die man aus Film und Fernsehen kennt. „Ich schreie nicht herum und mag es auch nicht, wenn es jemand aus dem Team tut. Wir bekommen von den Models und Partnern immer wieder Komplimente, dass es bei uns so entspannt zugeht.“ Bis zu 15 Leute arbeiten mittlerweile an den Shows, alleine sechs davon kümmern sich um die Presse und den Sitzplan der Promis in der Front Row. Ruetz: „Das ist schon sehr sehr wichtig, wer da neben wem sitzt – oder nicht“. 

Während der Fashion Week kann Rebekka Ruetz gut damit leben, im Mittelpunkt zu stehen. „Dann ist mein ‚Baby‘ da, und ich möchte es natürlich auch präsentieren. Gegen Ende freue ich mich dann aber schon wieder auf die Ruhe zuhause.“ In Tirol kennt kaum jemand ihr Gesicht – diese Privatheit genießt sie.

Ruetz: „Das ist schon sehr sehr wichtig, wer da neben wem sitzt – oder nicht“. Während der Fashion Week kann Rebekka Ruetz gut damit leben, im Mittelpunkt zu stehen. „Dann ist mein ‚Baby‘ da, und ich möchte es natürlich auch präsentieren. Gegen Ende freue ich mich dann aber schon wieder auf die Ruhe zuhause.“ In Tirol kennt kaum jemand ihr Gesicht – diese Privatheit genießt sie.

Kleider trägt sie nicht 
Beim Interview trägt die 31-Jährige ein Oberteil aus ihrer Kahlo-Kollektion, schwarze Skinny Jeans und Birkenstock- Sandalen. Ihre langen Haare, die sie früher schwarz und dann rot trug, sind mittlerweile hellbraun, aber immer noch ihr optisches Markenzeichen. Die eigene Mode trägt Rebekka Ruetz zwar gerne, aber nicht ausschließlich. Das wäre auch schwierig, schließlich verweigert sie Kleider –„die mag ich nicht an mir“.

Bei billigen Modeketten kauft sie aber nicht ein. „Wenn ein

T-Shirt nur fünf Euro kostet,dann weiß ich, dass da etwas nicht stimmen kann.“ Seit einem Indien-Aufenthalt während ihres Studiums achtet Ruetz ganz genau auf die Produktionsbedingungen ihrer Kollektionen. „Die Prêt-à-porter produzieren wir nur in Deutschland, meine T-Shirts in der Türkei und teilweise in Asien,allerdings in zertifizierten Fair-Wear-Fabriken.“

„Meine Schnittdirectrice ist meine Schwägerin, meine beste Freundin ist Makeup-Artist. Und die Electroklänge zu den Runway-Shows produziert mein Freund, der ist Sound Engineer. Ich habe wirklich Glück mit den Menschen in meinem Umfeld.“

Neben ihrer Hauptkollektion betreibt Rebekka Ruetz mittlerweile auch eine Zweit-Modelinie mit dem Namen „You Know You Want It“. Diese Linie bietet einen starken Kontrastzu ihrer Laufsteg- Mode, ist „sehr einfach und superfrech“. Hauptsächlich besteht die Kollektion aus Spruch-T-Shirts und -Pullis für Frauen und Männer. Diese Stücke entsprechen dem Zeitgeist, sind schnell zu produzieren und verkaufen sich außerdem sehr gut. „Viele Kundinnen und Kunden wollen witzige Shirts in guter Qualität und mit gutem Schnitt“, erklärt Ruetz.

Künstlerin mit Geschäftssinn 
In ihrer Selbsteinschätzung ist Rebekka Ruetz mehr Künstlerin als Geschäftsfrau – „allerdings ist vieles im Business für mich normal, weil ich aus einer Unternehmerfamilie komme“. Im Moment ist Ruetz’ Mode in ausgewählten Shops im deutschen Sprachraum erhältlich, viele Stücke werden jedoch direkt an Endkunden verkauft.

An ihrem Kernteam will sie festhalten. „Meine Schnittdirectrice ist meine Schwägerin, meine beste Freundin ist Makeup-Artist. Und die Electroklänge zu den Runway-Shows produziert mein Freund, der ist Sound Engineer. Ich habe wirklich Glück mit den Menschen in meinem Umfeld“, sagt Ruetz. Diese engen Strukturen geben ihr Sicherheit und Vertrauen. Damit ihr auf dem Weg zum internationalen Durchbruch nicht die Kraft ausgeht, achtet Ruetz genau auf ihre Energieressourcen. „Gearbeitet wird nur im Atelier, das Job-Handy bleibt daheim ausgeschaltet. Außerdem vertraue ich auf TCM und Ayurveda.“ Ihr Freund, der studierter Psychologe ist,versorgt sie zudem mit Selbstcoaching-Tipps. Von Rebekka Ruetz aus kann die Weltkarriere kommen.

Was wäre das Beste, was jetzt passieren könnte? Dass die englische Prinzessin Kate ihr Kleid trägt, vielleicht? Der Gedanke gefällt der Designerin – „da müssen wir nur schauen, dass es nicht zu kurz ist, damit auch die Queen amused ist“.

Rebekka Ruetz’ neue Winterkollektion „So close, so far“ (A/W 16/17) ist eine Hommage an  ihre Heimat.  In den Entwürfen verschmelzen alpine Prints mit modernem Design zu einer außergewöhnlichen Liebeserklärung an Tirol.

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