Die harte Tour

TEXT ― STEFAN ABERMANN
ILLUSTRATION ― LUDWIG HASLBERGER 

Unser Kolumnist lernt bei einem Ausflug in die Berge seinen Nachwuchs von einer ganz neuen Seite kennen. Und fragt sich entsetzt: Ist mein Kind womöglich ein echter Tiroler?

Noch vor einigen Jahren gab es im Sommer in den Bergen nicht viel zu tun. Man ging wandern, die etwas Verwegeneren vielleicht klettern, aber damit hatte sich die Sache auch schon erledigt. Doch seit einiger Zeit boomen neue Angebote. Gerade als junger Vater nimmt man die gerne an, damit man zumindest das Gefühl hat, hin und wieder noch ein Abenteuer zu erleben. Und so kam es, dass ich mich plötzlich mit meinem Nachwuchs in einem sogenannten Mountaincart wiederfand – einer Art Dreiradler mit Adrenalin-Antrieb, mit Reifen, die dicker waren als meine Oberschenkel, und einem Kind, das auf eben diesen saß. Jetzt war das Kind zwar noch zu klein, um selbstständig zu fahren. Bei den meisten Kindern ist das aber nebensächlich. Sie fahren mit – das reicht schon, um den Puls auf 180 zu bringen. Und wirklich, kaum war die Fahrt losgegangen, fuhr der Beelzebub in mein Kind. Es stieß ständig jodelnde Juchzer aus, unterbrochen nur von Grunzgeräuschen, die jedem brünftigen Hirsch die Schneid abgekauft hätten. Wenn andere Cartfahrer auftauchten, beschimpfte sie das Kind als „lahme Enten!“, schrie: „Aus der Bahn!“, und gleich nach dem Überholen: „Lass ma’s krachen!“, ungefähr in dem Ton, mit dem Piraten eine Schiffsbesatzung niedermachen. Als wir bei der Talstation ankamen, badete ich in meinem eigenen Angstschweiß. Und mir wurde bewusst: „Ach, du Schreck! Mein Kind ist ein Tiroler.“

Und gleichzeitig fragte sich der besorgte Erziehungsberechtigte in mir: „Ist das nicht zu gefährlich für mein Kind?“ Denn die Tiroler sind ja ein Menschenschlag, der seine Härte gerne kultiviert. Kann ich das Kind guten Gewissens zu einer dieser Alpenmaschinen heranwachsen lassen, die dieses Land bevölkern? Die diese ganz spezielle Einstellung an den Tag legen und sich jeden Tag beweisen müssen? Gemäß dem Wahlspruch „A Guater hebt’s und um an Schlechten is’ nit schad!“ Denn das Leben in den Bergen ist vielleicht hart – aber wir sind noch viel härter! Wenn der Tiroler sich bei der Waldarbeit einen Finger abtrennt, schmiert er Zugsalbe drauf und sagt: „Passt eh schon wieder!“

Gleichzeitig gibt es da diese Sprache, die einen für das Leben zeichnet. Eine derartige Ansammlung von Reibelauten, dass ein Kratzbaum daneben noch flauschig erscheint. Die so krachend von den Bergen widerhallt, dass man sich wundert, warum die Urlauber nicht verschreckt an der Grenze umdrehen. Denn hier kann man mit der „Fotzn Fotzn vatoaln“ und das Gegenüber weiß nicht mal, was ihn für ein Schlag getroffen hat. Für diesen Dialekt bräuchte man eigentlich einen Waffenschein, hier aber gibt man dieses Gerät schon den Kleinsten in die Hand, damit sie spielerisch lernen, damit umzugehen.

Soll nun also mein Kind auch so ein Tiroler werden? Soll es einer dieser typischen Skihang-Torpedos werden, die weitab vom Kinderskikurs die Piste hinunterpflügen, vom eigenen Fahrtwind gefährlich in Rückenlage gedrückt? Soll es die hohen Weihen des Tirolertums empfangen? Alpenvereinsmitgliedschaft zur Erstkommunion? Jagdschein zur Firmung?
All das geht mir durch den Kopf, als ich unser Mountaincart zurück zur Talstation schiebe, wo es ein Liftwart mit einem breiten Grinsen in Empfang nimmt und mir zunickt und sagt: „Scho geil, oda?“ Und ich lächle automatisch zurück und sage: „Siccha! Mir fahr’n glei’ noamal!“

Denn es macht ja auch Spaß, den Tiroler zu spielen. Und wenn man dem Selbstverständnis der Tiroler folgt, dann steckt ja auch hinter dem ruppigen Auftreten eigentlich ein sehr sensibler Menschenschlag, eigentlich ein Bundesland von Feingeistern, voll Empfindsamkeit und … Na gut, bleiben wir realistisch: Hinter jeder Perchtenlarve steckt dann doch ein menschlicher Kern. Wir meinen es gar nicht so. Angeblich. Zumindest bitte ich Sie, mir das zu glauben. Und denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal jemand mit einem Mountaincart überholt: Die „lahme Ente“ ist gar nicht so hart gemeint.

STEFAN ABERMANN

Der Poetry-Slammer, geboren 1983, lebt mit seiner Familie in Innsbruck. Abermann verfasst neben Bühnentexten auch Romane und Theaterstücke. Zuletzt ist die CD „Tirol Trauma“ erschienen: www.bergton.net