„Ich bleibe hier“

Nina Mair arbeitet als Produkt- und Innenraumdesignerin für Kunden auf der ganzen Welt. Ihr Gütesiegel ist: Made in Tirol.

TEXT ― PAULINE KRÄTZIG
FOTOS ― REGINA RECHT

Studiert haben Sie ursprünglich nicht Produktdesign, sondern Architektur – nach dem Abschluss haben Sie aber Möbel entworfen. 
Der Drang, die eigenen Ideen umzusetzen, war so groß, dass ich mich gleich nach der Uni selbstständig machen wollte. Deshalb habe ich 2006 mit zwei weiteren Draufgängern das Label Pudelskern ins Leben gerufen. Beim Team kamen Skills aus Design, Schreinerhandwerk, und Architektur zusammen. Der Einstieg ins Produktdesign und ins Interior Design geschah über unsere erste Ausstellung auf der internationalen Möbelmesse in Mailand.

Der Lichtring „Halo“, für den Mair den German Design Award erhalten hat.

Warum haben Sie sich 2012 von Ihren Kollegen getrennt? 
Die gemeinsame Zeit war großartig, wir haben tolle Projekte umgesetzt und mit unseren Ideen viel Aufmerksamkeit erregt, zum Beispiel mit der handgestrickten Leuchte „Granny“ aus Tiroler Bergschafwolle oder mit dem Wollteppich „Infusion“ mit eingewebtem Shakespeare-Sonett. Nach sechs erfolgreichen gemeinsamen Jahren haben wir beschlossen, dass jeder seine eigenen Wege geht und seinen eigenen Stil ausleben kann. Ich durfte das Fabrikatelier übernehmen. Beruflich lief es gut für mich: Ich hatte ein Netzwerk und sechs Jahre Erfahrung.

Woher kommt Ihr Interesse fürs Handwerk? 
Das hatte ich schon als Kind. Ich bin quasi in den Bergen groß geworden. Meine Großeltern betreiben Landwirtschaft im Bregenzerwald mit einer wunderschönen Hochalm. Sie halten Kühe und stellen selbst Fleisch, Käse und Butter her. Auf der Alm habe ich immer gerne mitgeholfen: Kühe melken, Stall ausmisten, buttern, käsen– ich mag körperliche Arbeit, da man am Ende des Tages sieht, was man geschafft hat. An sonnigen Tagen saß ich gerne auf der Bank vor dem Haus neben meinem Opa. In diesen kurzen Pausen blickten wir wortlos auf alles, was wir hatten und wofür wir dankbar waren. Wenn mir der Arbeitstrubel zu groß wird, finde ich beimeinen Großeltern jederzeit einen angenehmen Rückzugsort.

Ihr Atelier in der ehemaligen Seifenfabrik inspirierte Mair zu der Seifenschale „Spencer“.

Die Lampe „Granny“, eine Reminiszenz an Mairs strickende Großmutter. Auf die Idee für den Seitentisch „Cooper“ kam Nina Mair in Kairo.

Prägt diese Verbundenheit auch Ihre Arbeit?
Ich denke schon. Meine Produkte sind sowohl bodenständig als auch technisch und gestalterisch anspruchsvoll. Der „Concrete Table“ ist das beste Beispiel: Seine Tischplatte besteht aus Beton, ist aber nur 2,5 Zentimeter stark. Bei einer Spannweite von 220 Zentimetern kann man eine Betonplatte nicht dünner fertigen. Mir gefällt es, Material und Formen auf das Wesentliche zu reduzieren und an die Grenzen des Machbaren zu gehen. Prinzipiell ist meine Leidenschaft fürs Detail und für Gestaltung aber auch ein Souvenir meiner Zeit in Florenz.

Wann waren Sie da? 
Während meines Studiums hatte ich die Möglichkeit, ein Jahr in Florenz zu leben und zu studieren. In dieser Zeit habe ich den italienischen Lebensstil und die Leidenschaft für Gestaltung, Kunst, Architektur, aber auch Mode aufgenommen und für mich entdeckt. An der Accademia di Belle Arti – dem Gebäude, in dem auch die berühmte David- Skulptur von Michelangelo steht – habe ich eine Bildhauerklasse besucht und mich bis ins Detail mit Formen beschäftigt. Diese Detailverliebtheit ist mir als Gestaltungscredo geblieben.

Wenn es das Wetter zulässt, arbeitet Nina Mair auch gerne im Innenhof.

Wie würden Sie Ihre Designphilosophie beschreiben? 
Das Leben ist heute schnelllebig und überladen mit Dingen, die man eigentlich nicht braucht. Meine Stücke sollen Ruhe in den Alltag bringen. Mein Design ist zeitlos, klar und reduziert. Außerdem möchte ich Dinge schaffen, die nachhaltig sind und meinen Kunden lange Freude bereiten. Ich kaufe selbst auch lieber ein Paar handgefertigte Lederschuhe beim Schuster als ein günstiges Paar im Kaufhaus,dessen Herkunft ich nicht kenne. Solche Produkte behandelt und pflegt man im Normalfall auch ganz anders als ein Produkt von der Stange. Meine eigenen Produkte sollen mit dem Kunden leben, ihm ans Herz wachsen und womöglich vom Liebhaber- zum Erbstück werden. Der „Tilda Stool“ wird zum Beispiel schöner, je öfter man auf ihm sitzt. Sein Leder ist naturgegerbt und das Messing unbehandelt. Dadurch kann er eine Patina bilden, die ihn einzigartig macht.

Belassen Sie Ihre Werkstoffe immer natürlich? 
Ja, das ist mir sehr wichtig. Ich verwende kaum künstliche Werkstoffe: Holz wird geölt statt lackiert und Leder eben natürlich, nicht mit Chrom gegerbt. Und nach einem hoffentlich langen Leben sollen die Produkte komplett recycelbar sein. Im Grunde gestalte ich mit meiner Arbeit ja auch die Umwelt mit und habe eine große Verantwortung.

Was ist Ihnen bei der Herstellung sonst wichtig?
Ich möchte das Material, mit dem ich arbeite, genau verstehen: Wie ist es beschaffen? Was ist damit alles möglich? Wie kann es verarbeitet werden? Dazu besuche ich alte Handwerksbetriebe in Tirol, zum Beispiel die Sattlerei, in der mein Vater seine Sättel kaufte und reparieren ließ. In meinem Atelier baue ich selbst Prototypen und entwickle beispielsweise Detailnähte an der Nähmaschine. Die Herausforderung ist dann, aus dem Traditionellen etwas Neues, ebenso Hochwertiges zu schaffen. Leider sterben viele Handwerksbetriebe in Tirol aus,weil keiner sie übernehmen will. Im Idealfall kann ich helfen, klassische Handwerkskunst in die Designwelt zu integrieren und somit das Überleben der Manufakturen unterstützen.

Sieht aus wie ausgestochener Plätzchenteig, ist in Wahrheit aber eine Garderobe.
 

Können Sie ein Beispiel geben? 
Die Lampe „Relax Light“ ist Teil einer Schallabsorberserie, die ich gerade für den deutschen Raumakustikhersteller Ydol entwickelt habe. Die Lampe besteht aus einem Leuchtring mit einem Wollelement in der Mitte. Der Hutmacher Held in Innsbruck hat mir für den Prototyp das Filzformen gezeigt. Die „Relax“- Serie ist insgesamt ein gutes Beispiel für meine Arbeitsweise: Die Produkte bestehen nur aus den zwei Werkstoffen Aluminium und Schafwolle und sind so gebaut, dass man komplett auf Klebstoffe und Lösungsmittel verzichten kann. Das feine Merinowollgarn wird in Österreich versponnen und dann in Deutschland in der firmeneigenen Manufaktur verarbeitet.Das Tolle an den Schallabsorbern ist, dass sie störende Geräusche und Frequenzen absorbieren. So kann man auch ein gesundes Arbeitsklima schaffen.

Steckt hinter allen Ihren Produkten so eine Geschichte? 
Den meisten meiner Entwürfe geht eine Geschichte voraus – sei es die Seifenschale „Spencer“ als Hommage an die alte Seifenfabrik oder die Kommode „Mrs. Robinson“, die nach der Hauptdarstellerin aus dem Film „Die Reifeprüfung“benannt ist. Ein Produkt, über das es viel zu erfahren gibt, schafft Identifikation. Manchmal handelt diese Geschichte vom Ursprung eines Materials oder von dessen Verarbeitungstechnik, oft aber von einer Inspirationsquelle.

Warum heißt die Kommode „Mrs. Robinson“? 
Indem Film hat die etwas ältere, verheiratete Mrs. Robinson ja eine Affäre mit einem 20-Jährigen, bewahrt nach außen aber ihren unbefleckten Schein. Die Kommode hat eine aufgeräumte weiße Fassade ohne Griffe. Erst wenn man die kaum sichtbaren Schubladen antippt, sieht man die bunt gestalteten Innenflächen und kann die Geheimnisse im Inneren entdecken.

Sie sind international erfolgreich. Hat es Sie eigentlich niemals in eine Designmetropole gezogen?
Ich bin sehr gerne in Großstädten unterwegs. Allerdings schätze ich die Nähe zur Natur in Innsbruck und genieße die hohe Lebensqualität in Tirol. Ich kann mir vorstellen, irgendwann ein zweites Studio im Ausland zu haben. Aber ich selbst bleibe hier. Ich tingle ja jetzt schon für die Arbeit ständig von einer Messe zum nächsten Design- Event. Wenn ich Kunden in Ägypten oder in der Türkei treffe, bin ich manchmal wochenlang unterwegs. Die langen Reisen sind spannend, aber auch anstrengend. Ich freue mich jedes Mal, wieder Heimatboden unter den Füßen zu spüren. Dann schnüre ich meine Laufschuhe, jogge den Waldweg hinauf zum Alpenzoo und blicke von dort oben über die ganze Stadt und das Inntal. Und ich freue mich auf den Seifenduft und darauf, dass ich in aller Ruhe im Hinterhof an meinen Ideen arbeiten kann. Tirol bietet genau die Verbindung aus Schönheit und Geschichte, die ich zum Arbeiten brauche. 

Die Designerin wurde 1978 in Innsbruck geboren. Nach ihrem Architekturstudium in Innsbruck und Florenz gründete sie mit zwei Partnern das Designbüro Pudelskern. Seit 2012 arbeitet sie eigenständig als Produktdesignerin und Architektin. Ihre Produkte wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem German Design Award und mit dem Interior Innovation Award. www.ninamair.at