Komm gut runter!

Hartes Training. Und ausreichend Erholung. Das ist das Erfolgsrezept von Skiprofi Fritz Dopfer. Pausen bekam er allerdings in letzter Zeit ein paar zu viele. Ein Ortstermin im Leutaschtal.

TEXT ― GERO GÜNTHER
FOTOS ― VERENA KATHREIN

Morgen steht Rasenmähen auf dem Programm. Fritz Dopfer muss lachen, als er davon erzählt. Für die meisten ist Rasenmähen eine lästige Pflicht. Nicht so für Dopfer, 29 Jahre alt, Skiprofi, einer der besten Slalomfahrer der Welt. Dopfer freut sich auf das bisschen Normalität in seinem durchstrukturierten Trainingsalltag. Übermorgen, fügt er hinzu, werde erwandern gehen. Nein, kein Training, einfach nur wandern samt Gipfelpause und selbst belegtem Käsebrot.

Dopfer nimmt einen Schluck Johannisbeerschorle und blinzelt in die Sonne. Die Terrasse neben der Pfarrkirche St. Magdalena in Kirchplatzl ist voller Feriengäste. Er ist der einzige Ortsansässige an den weiß eingedeckten Tischen. Und fühlt sich gerade selber wie ein Urlauber.

Es ist ein Sommertag im Jahr 2016. Das Training für die Wintersaison hat begonnen und Dopfer genießt ein paar freie Tage. Fritz Dopfer, Sohn einer österreichischen Mutter und eines deutschen Vaters, entschied sich im Jahr 2007, für den Deutschen Skiverband anzutreten. 30.000 Tore fährt er im Jahr, mindestens 150 Tage im Jahr steht er auf Skiern. Mehr Zeit verbringt nur ein Inuit im Schnee. Die Rennsaison dauert fünf Monate. „In dieser Zeit lebe ich ja nur aus der Tasche.“ Atemlos. Von Hotel zu Hotel, mit kleinen Zwischenstopps zu Hause. USA und Kanada, Frankreich und Italien, Slowenien, Kroatien, Deutschland und Österreich. Fünf Monate Tunnelblick und absolute Fokussierung auf die entscheidenden 80 Sekunden, die ein Renndurchgang normalerweise dauert. „Klar ist das Stress!“

In diesem Augenblick ahnt er noch nicht, wie sehr ihm dieser Wettkampfstress bald fehlen wird.

Wasser ist auch nur geschmolzener Schnee: Dopfer am Ufer des Salzbachs im Gaistal.

Dopfer gilt als einer der ehrgeizigsten und diszipliniertesten Athleten im Deutschen Skiverband. „Als ich 20, 22 Jahre alt war, hab ich extrem viel trainiert“, erzählt er. Manchmal auch zu viel. Dass es dauerhaft nicht ohne Schonung geht und weniger auch mal mehr sein kann, erkannte Dopfer erst spät. 2015, eineinhalb Wochen vor dem WM-Finale in Beaver Creek im US-Bundesstaat Colorado, bekam der Slalomstar plötzlich Schmerzen. Der Rücken streikte. Die Situation war neu für ihn: „Bis dahin hatte mein Körper alles mitgemacht, was ich von ihm gefordert habe.“ Nun musste ausgerechnet der fleißige Dopfer im Hotelzimmer liegen, während die anderen trainierten: „Ich konnte nur ruhen und hoffen.“ Am Ende wurde Dopfer Vizeweltmeister und feierte den größten Erfolg seiner Karriere. „Der Körper hat sich die Zeit genommen, um am Punkt X zuzuschlagen. Das war natürlich sehr lehrreich.“

Mit derselben Akribie und Leidenschaft, mit der Dopfer früher sein Training plante, gestaltete er in der folgenden Zeit seine Ruhepausen.Entspannen kann er sich am besten daheim in der Leutasch, einem Hochtal zwischen Wetterstein und Mieminger Kette. 16 Kilometer lang ist die mit Schotter und fruchtbarer Erde gefüllte Felswanne. Dörfer und einzelne Höfe liegen verstreut auf 1.100 Metern. Umgeben ist das abgeschiedene Hochtal von Gipfeln, die Fritz Dopfer fast alle schon mehrfach bestiegen hat.

Seit 18 Jahren lebt Dopfers Familie hier. Er kennt jeden Pfad und jede Alm. Seine Lieblingsplätze wie die Obere Wiese, das Gaistal, den Kalvarienberg und die Leutascher Ache zeigt er gerne her, voller Begeisterung über die Schönheit der Landschaft. Mögen andere zur Erholung Sand und Sonne brauchen. Er sagt: „Ich halte es am Strand nicht lange aus.“ Viel lieber sind ihm Moorbirken und Latschenkiefern, Almwiesen und Gipfelkreuze.

Im Leutaschtal fühlt sich Dopfer am wohlsten. Die Wettersteinspitzen hat er schon mehrfach bestiegen.

In der Heimat absolviert Dopfer auch immer seine Saisonvorbereitung. Eine Einheit kann in dieser Phase darin bestehen, mit dem Mountainbike zur Rotmoosalm zu fahren und zu Fuß weiter auf den Predigtstuhl zumarschieren. Strecken und Möglichkeiten gibt es rund um die Leutasch in Hülle und Fülle. In den schneefreien Monaten ist Abwechslung angesagt, „ein guter Mix aus Reizen“, wie Dopfer es nennt. Mal spielt er Squash, mal geht er mit Freunden stehpaddeln. Im vergangenen Jahr hat er außerdem das Felsklettern für sich entdeckt. „Wenn ich etwas Neues versuche, komme ich aus dem üblichen Trott heraus und kann mir andere Ziele und Reize setzen.“ Dopfer, so viel wird beim ersten Treffen im August 2016 klar, ist ein Mann, der seine Mitte gefunden hat. Und vielleicht hilft ihm ja diese Gelassenheit, bei der bisher schwersten Prüfung seiner Sportlerkarriere.

Drei Monate später, November 2016: Die Saison lief bisher nicht gut und nicht schlecht, ein mittelmäßiger Auftakt, dann immer hinein achter Platz beim Weltcup-Slalom in Finnland. Es ist ein ganz normaler Trainingstag. Dopfer fährt sich ein, verliert plötzlich die Kontrolle über die Skier und stürzt. Schien- und Wadenbeinbruch. „Als ich meinen Unterschenkel sah, war mir sofort klar, dass die Saison gelaufen ist“, sagt Dopfer bei einem zweiten Gesprächstermin. Und natürlich ist so eine Verletzung nicht nur ein körperliches, sondern auch ein psychologisches Problem. Der Kopf schmerzt mehr als das Bein. „Es ist schwer zu fassen, dass man von einem Moment auf den anderen nicht mehr das machen kann, was man am liebsten mag“, sagt Dopfer.

Schon wenige Tage nach der OP in Innsbruck kehrt er ins Leutaschtal zurück. Er ist jetzt nahe bei seinen Freunden, bei seiner Familie, das hilft ihm. Gut tut ihm natürlich auch Ablenkung jeglicher Art. Dopfer absolviert einen Masterstudiengang in Immobilien- Management und hat jetzt fürs Lernen viel Zeit. „Ich will nichts dem Zufall überlassen“, sagt er.„Ich will vorsorgen. Der Skisport ist ja auch sehr gefährlich. Ich habe es gerade am eigenen Leib erfahren.“

Fritz Dopfer ist ein eher ruhiger Zeitgenosse. Genau diese Ruhe macht ihn so stark. Dopfer verfügt über die Fähigkeit, sich auf den Punkt konzentrieren zu können.

Dopfer versucht, das beste aus der Situation und aus dem Zwangsurlaub zu machen: „Ich werde definitiv versuchen, von der erzwungenen Schonung zu profitieren, um mich noch mal richtig sammeln zu können.“ Er sagt viele solche Sätze, es wirkt, als wolle er nicht nur seinen Gesprächspartner überzeugen, sondern auch sich selbst. Er spricht sich Mut zu. Dopfer weiß, was für eine harte Zeit vor ihm liegt. Erst im Frühsommer wird er wieder auf Skiern stehen, davor kommen Lymphdrainage, Krankengymnastik, Fädenziehen, Mobilisierungsübungen, Koordination, Muskelaufbau, Ausdauertraining. Laufband statt Lift. Fitnessstudio statt Piste.

Er braucht die richtige Mischung aus Spannung und Entspannung in dieser Zeit, die Balance, die er so lange gesucht hat. Er darf sich nicht hängen lassen, das ist klar, er darf es aber auch nicht übertreiben mit dem Training, er darf nicht zu viel wollen, sonst drohen Komplikationen. Er darf nicht verkrampfen, er darf sich nicht zu sehr herunterziehen, er muss positiv bleiben, er muss träumen, von allem, was ihm bald schon wieder möglich sein wird, im Frühling, im Sommer, ein Paddelausflug, eine Bergtour, eine Gipfeljause. Und Rasenmähen natürlich.

Dopfer wurde 1987 in Innsbruck geboren, seine Eltern sind Skilehrer. Fritz wuchs zunächst in Bayern auf, als er zehn Jahre alt war, zog die Familie nach Tirol. Seit 2007 tritt Dopfer für den Deutschen Skiverband an,zu seinen großen Erfolgen zählen Silber im Slalom bei der WM 2015 und Bronze mit der Mannschaft bei der WM 2013.