„Auf dem Dorf war ich der Local Hero“

Der Tiroler Musiker Manu Delago ist in London zum Star geworden. Mithilfe eines ungewöhnlichen Instruments.

TEXT ― BENEDIKT SARREITER
FOTO ― FREDERIKE HELWIG

Herr Delago, wie wird man ein Internetstar? Keine Ahnung, woher sollte ich das wissen?

Sie sind online eine Berühmtheit. Ihr Clip „Mono Desire“ ist nach Meinung der Youtube-User eines der besten Musikvideos und wurde millionenfach geklickt. Aber das geschah alles, ohne dass ich es beabsichtigt hätte. Das Video habe ich ursprünglich auf meine Website gestellt. Von dort lud es irgendjemand aus Japan herunter und stellte es auf Youtube, das war im Jahr 2011. Ich war damals etwas verwirrt. War das überhaupt erlaubt, sollte ich gegen den Japaner vorgehen? Doch dann wurde das Ganze zum Selbstläufer, und ich erreichte eine viel größere Öffentlichkeit, als es mir mit meiner Website jemals möglich gewesen wäre. 

Sie spielen in diesem Video zwei Hangs. Das Instrument war damals weitgehend unbekannt und ist auch heute noch nicht allen Leuten ein Begriff. Was ist ein Hang? Das Hang besteht aus zwei Halbkugeln aus Stahlblech. Es ist ein junges Instrument, das vor 16 Jahren entwickelt wurde. Seine Soundvielfalt auf kleiner Fläche faszinierte mich sofort. Das Hang kann weich klingen wie eine Harfe oder eine Marimba, man kann es aber auch metallisch und perkussiv spielen. Es kommt darauf an, mit welcher Intensität man es mit der Hand berührt. Schlägt man sanft oder hart, schnell oder langsam – oder streicht man darüber? Es spricht auf alles unterschiedlich an. Mein erstes Hang habe ich 2003 zusammen mit meinem Vater gekauft, der das Instrument auf einem Festival in der Schweiz gesehen hatte. Ich habe damals noch Schlagwerk in Innsbruck studiert. Meine Hauptinstrumente waren Marimba und Schlagzeug, auch Klavier. Das Hang war für mich wie all diese Instrumente in einem.

MANU DELAGO

Delago wurde 1984 in Tirol geboren. Mit zwei Jahren saß er das erste Mal an einem Schlagzeug, nach Abschluss seines Musikstudiums zog er nach London. Heute arbeitet Delago mit Musikern wie Björk, Anoushka Shankar oder Bugge Wesseltoft zusammen und verfolgt auch eigene Projekte wie etwa Manu Delago Handmade oder Living Room. Sein neuestes Album ist gerade bei Tru Thoughts erschienen.

Seitdem hat sich viel getan, um das Hang gab es großen Wirbel. Ja, plötzlich wollten es immer mehr Leute haben. Irgendwann wann musste man sich bei Panart, dem Originalhersteller, per Brief bewerben und begründen, warum man das Instrument besitzen möchte. Der Andrang war sehr groß, und Panart kam mit der händischen Herstellung kaum mehr hinterher. Heute produziert Panart das Hang nicht mehr, dafür gibt es neue Instrumentenbauer, die sehr ähnliche Instrumente bauen, für die als Oberbegriff oft „Handpan“ verwendet wird.

Und heute sind Sie der bekannteste Hang-Spieler der Welt. Ich weiß nicht, ob ich der bekannteste bin. Jedenfalls war das Hang zu Beginn nur ein weiteres Percussioninstrument für mich. Doch ich merkte, dass bei jedem Einsatz des Hangs die Reaktionen des Publikums euphorischer waren als sonst. Also konzentrierte ich mich mehr auf dieses Instrument, komponierte Stücke mit ihm, lernte, es besser zu spielen.

Wie kamen Sie zur Musik? Mein Vater hat seit den 70er-Jahren in vielen verschiedenen Bands in Tirol gespielt. Von der Prog-Rock-Band Clockwerk Orange über eine Coverband bis zu einer Blasmusikgruppe. Meine Mutter unterrichtet Musik, und der Schlagzeuger meines Vaters hat für einige Zeit bei uns gewohnt. Von ihm habe ich viel gelernt. Ich war also immer von Musik umgeben und habe dann auch als Jugendlicher ein Gymnasium in Innsbruck besucht, weil es dort eine auf Musik ausgerichtete Oberstufe gab. Da wollte ich unbedingt hin. 

Nach Ihrer Zeit in Innsbruck zog es Sie nach London. Ich habe eine neue Herausforderung gesucht. Bevor ich nach England land gegangen bin, habe ich in Innsbruck in mehreren Bands gespielt. Rock, Pop, Metal, später Jazz und Elektronik. Das war toll, aber es drehte sich auch alles ein wenig im Kreis. Immer die gleichen Bühnen, das gleiche Publikum. Ich brauchte neuen Input.

Hat London es Ihnen leicht gemacht? Dort musste ich wieder von vorne anfangen, mich kannte niemand, meine Konzerte waren schlecht besucht. Es war eine g’sunde Watschn, ich mag das. Die Erfahrung hatte ich auch schon als 14-Jähriger in Innsbruck gemacht. Damals kam ich vom Land dorthin und dachte, dass ich ein herausragender Schlagzeuger sei. Auf dem Dorf war ich der Local Hero. Ich musste aber feststellen, dass es in Innsbruck viel bessere Schlagzeuger als mich gab. Ich musste richtig viel üben, mich anstrengen.

Kommen Sie eigentlich noch oft nach Tirol? Meistens mache ich im Spätsommer Heimaturlaub. Tirol ist der perfekte Ort zum Runterkommen. Ich liebe die Berge und ich besteige sie ausgiebig. Das können dann schon über zehn Gipfel in den paar Wochen sein, die ich hier bin. 

Haben Sie eine Lieblingstour? Nein, ich gehe selten eine Tour zweimal. Wenn ich auf einem Berg stehe, sehe ich die nächsten, auf die ich rauf will, und das mache ich dann auch. Die Touren im Karwendel, im Stubai- und im Ötztal finde ich super.

Musikalisch ging es für Sie ja auch immer weiter nach oben. Sie treten mit bekannten Musikern auf. Das stimmt, über den Erfolg des Youtube-Videos haben sich viele Kontakte ergeben, etwa zu Björk oder zu Anoushka Shankar. Bei beiden war und bin ich Teil der Tourband. Mit Anoushka war ich letzten Winter auf Tour, auch in Indien, wo sie geboren wurde und woher ihre Eltern stammen. Es ist dort alles ein bisschen improvisierter als bei uns, da stimmt das Klischee. Aber letztlich klappt immer alles. Interessant war, dass in den ersten Reihen immer echte Kenner der indischen Musik saßen, die ganz genau beobachteten, was wir machten. Denn Anoushkas Musik verbindet ja indische Einflüsse mit westlichen. Der Austausch mit dem Publikum war sehr direkt. 

Wie war es, mit Björk auf Tour zu sein? Mit ihr war ich zweimal unterwegs. Die erste Tour war etwas sehr Besonderes. Sie ging mit Pausen über zweieinhalb Jahre, und wir spielten in neun Städten, in denen wir jeweils drei bis vier Wochen blieben und mehrere Male auftraten. Das war wie viele Urlaube nacheinander in tollen Städten. Ein außergewöhnliches Erlebnis. 

In wie vielen Ländern haben Sie schon gespielt? Es dürften mehr als 50 sein. 

Welche waren die ungewöhnlichsten? Swasiland, Simbabwe, Chile, Mauritius – Länder, in denen westliche Musiker sonst nicht so oft vorbeischauen. Dort spiele ich aber meistens mit meinen eigenen Projekten Manu Delago Handmade oder Living Room. Oft kommen die Anfragen über Youtube oder meine Website. Früher habe ich die meisten Angebote angenommen, weil es natürlich eine tolle Erfahrung ist, vor so vielen unterschiedlichen Leuten zu spielen. Heute habe ich dafür nicht immer Zeit, weil ich auch mit Anoushka toure oder wie letztens mit dem Cinematic Orchestra. 

Eine britische Jazz-Electronic-Band mit legendären Live-Shows. Ich bin auf der Bühne für die elektronischen Beats und die Percussion verantwortlich. Das Hang kommt weniger zum Einsatz. Das Lustige ist, dass ich schon immer ein Fan vom Cinematic Orchestra war. 2003 habe ich sie in der Münchner Muffathalle gesehen. Nach dem Konzert habe ich mich kurz mit dem Schlagzeuger unterhalten. Und er meinte: „Come to London, England has a great scene!“ Und heute wohne ich in London, bin Teil der Szene und spiele in der Band, die ich schon immer gut fand.