Marktwert

Das Erfolgsrezept von MPREIS klingt unmöglich und funktioniert doch: Das Tiroler Familienunternehmen setzt auf regionale Produkte zu bezahlbaren Preisen – in individuell gestalteten Supermärkten, die Designliebhaber erfreuen.

TEXT ―MAXIMILIAN GERL
FOTOS ― LUKAS SCHALLER

Für einen Architekten gibt es eigentlich nichts Schlimmeres, als einen Supermarkt zu entwerfen. Architekten wollen eine eigene Welt erfinden, Räume erschaffen, in denen Menschen gerne wohnen, arbeiten, leben, Zeit verbringen. Und natürlich möchten sie sich auch selbst ein Denkmal setzen. Ein Supermarkt verkörpert das Gegenteil aller dieser Wünsche und Absichten. Supermärkte sind meist ziemlich hässlich, wobei sich darüber auch niemand empört. Die Menschen wollen ja eh gleich wieder weg und davor wollen sie möglichst schnell möglichst günstig einkaufen. 

Trotzdem bauen Architekten natürlich hin und wieder Supermärkte, einer muss es ja machen, und hin und wieder braucht man halt auch ein bisschen Geld. So könnte sich auch der Architekt Rainer Köberl entschuldigen. Köberl hat in Israel und Innsbruck studiert, gleich mehrmals hat er die Auszeichnung des Landes Tirol für Neues Bauen erhalten, dazu noch den österreichischen Staatspreis für den Umbau des Kufsteiner Rathauses. Köberl trägt Jeans, schwarzes T-Shirt und weißes Haar, in seinem Büro in der Innsbrucker Innenstadt herrscht ein kunstvoll arrangiertes Chaos. Köberl spricht langsam, er will nicht nur seine Gebäude, sondern auch seine Sätze mit besonderer Sorgfalt bauen. Köberl sagt: „Was ist schon ein Supermarkt? Es ist kein Museum, es ist: Ware verkaufen. Es hat etwas Normales, etwas Allgemeines.“ Köberl macht eine Pause. Und dann sagt er: „Es ist eine schöne Aufgabe.“

MPREIS in Wenns, gebaut von Rainer Köberl und Astrid Tschapeller. Das Gebäude wurde für den Preis der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur nominiert.

Zumindest, wenn der Bauherr MPREIS heißt.
Die Supermarktkette MPREIS verfolgt ein Konzept, das ein wenig größenwahnsinnig klingt. Das Tiroler Familienunternehmen will regionale Produkte zu fairen Preisen anbieten, und das in einem Ambiente, das selbst Designliebhaber erfreut. Statt auf Filialen vom Reißbrett setzt MPREIS auf individuell gestaltete Märkte. Außen wie innen. Kein Gebäude gleicht dem anderen, jedes ist ein architektonisches Einzelstück. Das Konzept wirkt widersinnig. Die Konzentration auf regionale Ware führt dazu, vergleichbare, vielleicht günstigere Produkte aus dem Sortiment auszuschließen. Architektur kostet Arbeit, Zeit und noch mehr Geld. Beides muss ein Unternehmen über höhere Preise auf seine Kunden abwälzen. Gift im hart umkämpften Lebensmittelhandel. So weit die Theorie. Bis zu 180.000 Kunden zählt MPREIS jeden Tag – hochgerechnet erledigt damit jeder vierte Tiroler seine Einkäufe in einem der rund 250 MPREIS-Märkte. Die meisten davon stehen in Tirol, ein paar in Kärnten, Salzburg, Vorarlberg und Südtirol. Das Konzept funktioniert. Aber wie eigentlich?

Von seinem Büro im vierten Stock eines herrschaftlichen Hauses blickt Rainer Köberl auf den Patscherkofel im Süden, er sieht aber auch auf die Innsbrucker Altstadt und auf die wuselige Fußgängerzone. Und auf das Kaufhaus Tyrol. In dessen Untergeschoss hat Köberl als Innenarchitekt gewirkt und die größte MPREIS-Filiale überhaupt gestaltet. „Im weitesten Sinne ein Flagship-Store“, sagt Köberl. „So einen Supermarkt kannst du auch in New York oder in Paris machen.“

Ein Supermarkt als Flagship-Store: Auch das klingt größenwahnsinnig. Bis man die Filiale zum ersten Mal sieht: breite Gänge, eine nachtblaue Spiegeldecke, weiße Säulen. Der Boden aus echtem Holz. „Räuchereiche“, erklärt Köberl, „ein Element, um den Markt wertvoller zu gestalten.“ Räuchereiche ist Eichenholz, das mit Ammoniak oder Salmiakgeist begast wurde und dadurch eine dunklere Farbe bekommt, ohne die Maserung zu verlieren. Über das Parkett gab es viele Diskussionen: „Es ist aufwendiger zu reinigen“, sagt Köberl. „Aber es geht gut, wenn auch mit etwas mehr Mühe und Kosten.“

 MPREIS-Filiale in
Innsbruck im Kaufhaus
Tyrol. Ein Highlight ist der
Boden aus Räuchereiche.

Die Architektur stand nicht immer im Vordergrund bei MPREIS. Gründerin Therese Mölk musste im ausgehenden 19. Jahrhundert kämpfen, um als junge, unverheiratete Frau überhaupt einen Gewerbeschein zu erhalten. Ihrem florierenden Lebensmittelgeschäft setzte der Erste Weltkrieg ein jähes Ende. 1920 gründete sie mit ihrem Mann Johann die Firma neu. Erst in den frühen 1980er-Jahren interessierten sich ihre Nachkommen auch für das Äußere der Filialen. Der ehemalige Geschäftsführer Hansjörg Mölk gilt als großer Architekturfreund, andere Familienmitglieder arbeiten in der Kulturbranche, Franz Mölk etwa ist ein bekannter Tiroler Maler. Die ersten individuell designten MPREIS-Märkte waren ein Experiment. Und an dem fanden alle Gefallen, die Familie Mölk, die Mitarbeiter, die Kunden. Die Idee verselbstständigte sich, wie das gute Ideen manchmal so an sich haben. Inzwischen ist die Architektur das Markenzeichen von MPREIS. 

Um in oft steilen Lagen der Tiroler Täler einen Supermarkt zu bauen, gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder kauft man ein größeres Grundstück und schichtet Steine übereinander, bis eine ebene Fläche entsteht, die man zubetoniert. Oder man kombiniert Topografie, Umgebung und Gebäude so, dass wenig Fläche optimal genutzt wird. Zum Beispiel, indem der Supermarkt im Berg versenkt wird. Oder Stelzen bekommt, damit darunter eine Parkfläche entsteht. Oder, oder, oder. „Die Lösungen, die da erdacht werden, sind teilweise kostengünstiger, als wenn man Regelwerke anwenden würde“, sagt Köberl. „MPREIS lässt uns Architekten freie Hand.“ Gute Architektur kann also sogar preisgünstiger sein. Und noch dazu lässt sich Geld mit ihr verdienen. Das wird besonders deutlich, wenn ein Markt umgebaut wurde – und das neue Design plötzlich mehr Kunden anlockt. „Auf einmal gibt es 20 Prozent mehr Umsatz“, sagt Köberl. „Mit der gleichen Ware am gleichen Standort.“

MPREIS in Achenkirch: Vom Café aus genießen die Besucher den Alpenblick.

Selbstverständlich müssen aber die äußeren zu den inneren Werten eines Supermarkts passen. Wie das funktioniert, kann man beispielsweise in Fließ im Bezirk Landeck verstehen. Knapp 3.000 Einwohner zählt die Gemeinde. Der Fließer Hauptort heißt einfach Dorf, er ist so klein ist, dass er keine Straßennamen braucht. Er liegt nicht im Nirgendwo, aber auch nicht weit davon entfernt.

In der Ortsmitte steht zwischen alten Bauernhäusern ein modernes Zentrum aus Glas, dunklem Holz und Metall. Fließ ist, wie so viele Dörfer in Europa, von Abwanderung bedroht. Aber während anderswo Infrastrukturen verschwinden, weil immer weniger Menschen sie nutzen, haben die Fließer sie wieder hergezaubert. Auf mehreren Ebenen gibt es ein Gemeindeamt mit Postschalter und Bushaltestelle, einen Jugendtreff, einen Friseur, eine Arztpraxis samt Apotheke. Die Tiefgarage mit 40 Stellplätzen ist gleichzeitig Ausgrabungsstätte, neben dem Treppenaufgang ragen die Relikte eines rätischen Hauses empor, das hier vor mehr als 2.000 Jahren stand. In das Ensemble integriert ist auch ein MPREIS. Der ist recht klein, weshalb er miniM heißt, aber: Er ist da.

Köberl hat zusammen mit einer Kollegin das Konzept für die neue Fließer Mitte entworfen. Die Einheimischen hatten sich eine Einkaufsmöglichkeit zurückgewünscht, einen Supermarkt, da kam letztlich nur ein miniM infrage. Mehr als 30 dieser kleinen Läden betreibt das Unternehmen inzwischen, sie bieten vor allem Grundnahrungsmittel. Dazu wird das rund 10.000 Produkte umfassende Sortiment auf etwa 3.000 reduziert. Die eigentliche Herausforderung aber liegt darin, in teils abgelegenen Gegenden mit einem kleinen Kundenstamm zu wirtschaften – und trotzdem frische Ware zu bieten, die nicht mehr kostet als in einer größeren und zentraleren Filiale.

Von der neuen Dorfmitte aus sind es nur ein paar Schritte bis zum Hof von Gerhard File. Ein Anbau auf der Rückseite sorgt dafür, dass mehrere Generationen genug Platz im Haus haben. File arbeitet vormittags an der Mittelschule als Lehrer und bringt Kindern Englisch bei. Nachmittags sorgt er als Bauer dafür, dass sie etwas Gesundes zu essen bekommen. Auf einer Wiese oberhalb des Dorfes hält er sechs Kühe, die er nur im Winter in den Stall treibt. Jede bringt pro Jahr ein Kalb zur Welt, säugt es etwa zehn Monate lang, das soll das Fleisch saftiger machen. Wenn die Jungrinder abgestillt sind, kommen sie zum Metzger. Für jedes Kilogramm Fleisch der sogenannten Jahrlinge garantiert MPREIS einen festen Tarif, der teilweise 20 Prozent über dem Marktwert liegt.

MPREIS in Brixlegg: Die zur Supermarktkette gehörende Alpenmetzgerei erhält für ihre Qualität regelmäßig nationale und internationale Auszeichnungen.

Als MPREIS 2005 das Tiroler Jahrlingsprogramm startete, war File von Anfang an dabei. Früher leitete sein Vater den Hof, ein leidenschaftlicher Grauviehzüchter. Als sich das nicht mehr lohnte, stellte sein Sohn auf Mutterkuhhaltung um. „Aber wir haben das Problem gesehen, dass es in Tirol kein Vermarktungsnetz gibt für das Produkt, schon gar nicht für den Jahrling“, sagt File heute. „Der war eigentlich ein Nebenprodukt, von dem die Leute gesagt haben: ‚Das ist weder Rind- noch Kalbfleisch, also ist es nichts wert.‘“  

Damals starteten Files Bruder, der bei MPREIS arbeitet, und sein Schwager, der bereits Jungrinder hielt, eine Kampagne für den Jahrling. Sie wollten Vermarkter, Politiker und Bauern von der Qualität des Fleisches überzeugen. Inzwischen ist der Jahrling begehrt, aus dem Nebenprodukt wurde ein regionales Alleinstellungsmerkmal – und die Zukunft von Files Hof war gesichert. „Die Leute wollen immer mehr wissen, woher ihre Lebensmittel stammen“, sagt er. „Reich wird bei uns keiner. Aber es muss ein Anreiz da sein, damit sich die Arbeit lohnt.“

Seit Mai 2016 leitet mit David, Peter Paul und Sebastian Mölk die vierte Generation MPREIS. Das Filialnetz behutsam weiter ausbauen und dabei die eigenen Werte erhalten, so lautet ihre Leitlinie für die Zukunft. Da die Geschäftsleitung aus Familienmitgliedern statt aus Managern bestehe, müsse niemand auf kurzfristige Gewinne schielen, heißt es aus dem Unternehmen. Es helfe natürlich, dass die Tiroler schon immer großes Vertrauen in einheimische Lebensmittel gehabt hätten und ihre Lust darauf heute größer denn je sei.

In Innsbruck plant der Architekt Rainer Köberl schon den nächsten MPREIS, es ist bereits sein neunter und er soll in der Innsbrucker Museumstraße entstehen. Beste Lage, fünf Gehminuten zum Bahnhof in die eine Richtung, fünf Minuten in die andere bis zum Goldenen Dachl. Köberl beschreibt seine Zusammenarbeit mit MPREIS als konstruktives Pingpongspiel, bei dem niemand glaube, er sei gescheiter als der andere. „Wenn sich Leute begegnen, die etwas von dem verstehen, was sie tun, dann setzen sich manchmal die Ideen der Bauherren durch und manchmal die Ideen der Architekten“, sagt er. Für die neue Filiale hat Köberl bisher nur eine eindeutige Vorgabe erhalten: „Das muss etwas ganz Besonderes werden.“