Um Himmels willen!

TEXT― JAKOB SCHRENK

Der moderne Mensch ist süchtig nach Wetterberichten. Und hat vom Wetter doch keine Ahnung. Aber das lässt sich ändern.

Karl Gabl hat ja gar nichts gegen den Sommer, er kann mit Sonnenschein und warmen Temperaturen leben, wenn es sein muss, auch wenn er kühle Luft und Regen viel lieber mag. Ein klarer blauer Himmel ist dann aber endgültig des Guten zu viel. Gabl sagt: „Ich finde einen Tag ohne Wolken unbeschreiblich fad.“
Es trifft sich also gut, dass sich an diesem Morgen dichter Nebel über das bayerische Voralpenland gelegt hat und Karl Gabl vor seinem Haus bei Murnau in einer dicken Wolke steht. Man könnte meinen, man wäre in einen Eimer Milch gefallen. Und zwar in einen Eimer mit sehr kalter Milch. Es hat null Grad. Gabl, 70 Jahre alt, Doktor der Meteorologie, ehemaliger Leiter der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Innsbruck, abgekürzt ZAMG, trägt Pantoffeln und Pulli. Friert nicht. Zittert nicht. Sein wettergegerbtes Gesicht hat keine Falten, sondern tiefe Furchen. Als hätte man den Menschen Karl Gabl mit einem groben Messer aus einer Eiche geschnitzt. Gabl hält sich sehr aufrecht, starrt stur in die Richtung, in der man die Zugspitze erblicken würde, wenn man überhaupt irgendetwas erblicken würde, und sieht aus wie ein Denkmal, das den Wert der Ruhe und der Gelassenheit illustriert.
Schon in den 1970er-Jahren hat Gabl Expeditionen im Hindukusch unternommen und damals auch die weltweit erste Skiabfahrt überhaupt von einem 7.000er gewagt. Berühmt wurde er aber, weil er die besten Bergsteiger der Welt bei ihren Expeditionen auf die höchsten Gipfel berät. Reinhold Messner nennt Karl Gabl seinen „Wetterheiligen“. Wer sich aber mit dem extremen Wetter im Himalaja auskennt, mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 150 Stundenkilometern und Temperaturen von bis zu minus 50 Grad, müsste doch auch für den mitteleuropäischen Wanderer ein paar Tipps bereithalten. „Vielleicht zieht es ja heute Nachmittag auf. Vielleicht auch nicht“, meint Karl Gabl etwas vage. Es geht ihm gar nicht um die konkrete Prognose. Er will eher eine Haltung vermitteln: Nur die Ruhe, erst einmal abwarten, wird schon werden.
Das ist ein guter Rat in einer Zeit, die ziemlich wetterfühlig und vor allem wetterberichtsfühlig ist. Der durchschnittliche Mitteleuropäer hört, sieht und liest fünf Wetterberichte pro Tag. Wie oft er auf die Wetter-App blickt, lässt sich gar nicht mehr messen. Aber das permanente Hoch- Tief-Update hat die Menschen nicht klüger gemacht – sondern nur hysterisch. Zeigt das Handy eine Wolke mit einem dicken Regentropfen für das übernächste Wochenende an, sagt man das lange geplante Sommerfest ab. Hüttenwirte klagen über Spontanabsagen von Gästen, die ein Wolkensymbol auf dem Handy verstört hat. Der moderne Mensch plant seine Freizeit so sorgfältig wie seine Karriere, will Wochenenden und Sommerferien optimal nutzen und auf keinen Fall riskieren, auch nur in den kleinsten Schauer zu geraten. Aber was bedeutet das Wolkensymbol überhaupt? Ist es jetzt gut oder schlecht, wenn eine Warmfront naht? Und wie entsteht nochmal Föhn? Die Prognose dürfte nicht zu gewagt sein: Was das Wetter betrifft, tappen die meisten ziemlich im Nebel.

Blick aufs nächtliche Innsbruck von der Hungerburgbahn.
Cumuluswolken wie aus dem Bilderbuch am Wilden Kaiser.

Karl Gabls Vater, ein Malermeister, war ein wenig erstaunt, als Gabl nach der Matura seinen Entschluss verkündete, Meteorologe zu werden. Jeder Bauer könne das Wetter vorhersagen. Der Meinung ist Gabl zwar nicht, aber er will die Sache auch nicht unnötig kompliziert machen: „Jeder Mensch blickt in den Himmel und erkennt sofort: Gefahr oder keine Gefahr.“ Gabl deutet mit einer gemessenen, irgendwie prophetischen Geste nach oben. „Jetzt sehen wir gerade eine Nebeldecke und wissen, dass wir keine gute Sicht am Berg haben. Aber auch im Sommer erkennen wir, ob dunkle Wolken hoch hinaufreichen und Gewitter signalisieren. Oder ob es sich um wunderschöne Wattebäusche handelt, die den Himmel schmücken. Wolken geben uns Signale. Auch deswegen mag ich sie so.“ Schön, wenn damit schon alles über das Wetter gesagt wäre. Gabl aber bittet ins Haus, holt sich Stift und Papier und sagt: „Ein bisschen physikalisches Grundwissen kann trotzdem nicht schaden. Ganz einfach ist das nicht.“ Man muss sich also daran erinnern, was einem schon damals der Lehrer erklärte, vor 10 oder 50 Jahren: Der Hauptantrieb für das Wettergeschehen ist die Sonne. Sie heizt das Wasser von Flüssen, Seen und Meeren auf. Ein Teil des Wassers verdunstet und verwandelt sich in gasförmiges Wasser. Die Sonne erwärmt auch die Erdoberfläche, die dann wiederum die Wärme an die Luft abgibt. Je wärmer aber die Luft wird, desto heftiger bewegen sich die Luftmoleküle. Sie brauchen mehr Platz, auf gleichem Raum befinden sich nun weniger Luftmoleküle, deshalb ist die warme Luft auch leichter und steigt nach oben. (Das heißt auch, dass der Luftdruck in Bodennähe abnimmt, ein Tief entsteht – aber dazu später mehr.) Kältere Luft kann nun am Boden nachströmen. Genau diese Bewegungen von warmer und kalter Luft sind es übrigens, die wir als Wind bezeichnen. Aber das ist noch nicht alles. Steigt warme Luft nach oben, nimmt sie viel Wasserdunst mit. Warme Luft kann viel Wasser aufnehmen. Damit ist aber Schluss, wenn sich die Luft in höheren Lagen wieder abkühlt. Jetzt kommt es zur Kondensation: Das überschüssige Wasser sammelt sich zu kleinen Wassertropfen, die in der Luft schweben. Genau das sind Wolken. Nicht aus jeder Wolke regnet es sofort. Dafür müssen sich die Wassertropfen erst durch Luftbewegungen zu größeren Tropfen vereinen und so schwer werden, dass sie nicht mehr von der aufsteigenden Luft emporgehoben werden können, sondern als Regen, Hagel oder Schnee zur Erde zurückfallen.

„Nebel ist natürlich auch nichts anderes als eine Wolke, die Bodenkontakt hat“, sagt Karl Gabl.

„So weit ist das doch alles ganz einfach, oder?“ Nun ja. Ein Trost für alle Anfänger, die das Wetter verstehen wollen, mag darin liegen, dass die Menschheit schon seit Jahrtausenden genau das versucht. Und sich damit seit Jahrtausenden ziemlich schwertut. Lange Zeit glaubte man, dass die Götter auf ihren bequemen Wolkensofas sitzen und im Fall schlechter Laune Blitze herabschleudern. Sogar der große Aristoteles hatte noch Probleme, zwischen Mytholgie und Meteorologie zu unterscheiden, und behauptete, dass für die verschiedenen Windbewegungen acht Windgottheiten zuständig seien.

Erst im 18. Jahrhundert kam die Meteorologie aus ihrem Tief heraus. 1709 erfand Gabriel Daniel Fahrenheit das Alkoholthermometer, wenig später auch das Quecksilberthermometer. Die Londoner „Daily News“ druckte 1848 den ersten täglichen Wetterbericht. 1950 berechnete ein Computer der US-Army eine Wetterprognose für die kommenden 24 Stunden. 1960 wurde der erste Wettersatellit ins All geschossen. Heute liefern 10.000 Messstationen weltweit Daten. Wettermodelle beanspruchen ungeheure Rechnerkapazitäten, die lange gar nicht zur Verfügung standen. Aber die Informatik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten und dann noch einmal in den vergangenen Jahren revolutioniert. Seit 2016 kann der Supercomputer des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage im englischen Reading für 900 Millionen Orte auf der Welt das Wetter berechnen, ein Meilenstein der Meteorologie.

Die Prognosen werden immer feinmaschiger und exakter.

„Eine 48-Stunden-Prognose trifft mittlerweile in mehr als 90 Prozent aller Fälle zu“, sagt Susanne Drechsel.

„Für fünf bis sieben Tage lässt sich die allgemeine Wetterentwicklung bestimmen. Danach ist höchstens noch ein grober Trend, beispielsweise der Temperaturentwicklung, vorhersagbar.“ Susanne Drechsel arbeitet für die ZAMG in Innsbruck, also für genau die Zentralanstalt, die Karl Gabl bis zu seiner Pensionierung geleitet hat. Das Büro liegt am Flughafen, genau über den Räumen der Polizei. Und wie die Polizei wollen ja auch Meteorologen wie Gabl oder Drechsel Regeln etablieren und Ordnung in das Chaos bringen. Susanne Drechsel, 38 Jahre alt, ist eine schmale, elegante Frau, ihre schmalen, eleganten Finger liegen flach auf der Computertastatur, fast scheint sie mit ihrem Rechner verwachsen zu sein. Drechsel blickt abwechselnd auf einen der fünf Bildschirme, die vor ihr aufgebaut sind. Über ihnen hängen weitere fünf Bildschirme an der Wand, noch einmal darüber ein riesiger Fernseher. Vor Drechsels wachen Augen läuft das gesammelte Wetterwissen der Welt zusammen. Das Licht der Bildschirme färbt Drechsels Gesicht blau. Drechsel sagt: „Ich war schon als Kind von den Naturwissenschaften begeistert, von den Naturgesetzen. Warme Luft steigt auf. Das ist einfach so. Da muss man nicht diskutieren. Das Zusammenspiel vieler Faktoren ist wie ein Puzzlespiel. Man muss das Wichtige vom Unwichtigen trennen.“ Susanne Drechsel, die kühle Naturwissenschaftlerin, kann Antworten geben auf die großen Fragen: Was sind denn nun die Großwetterlagen, die über einen guten Sommer und einen missratenen Winter entscheiden? Wo entsteht unser Wetter? Was ist eigentlich dieses Azorenhoch, von dem in den Nachrichten immer die Rede ist? Drechsel deutet mit einem Kugelschreiber auf den Äquator und sagt: „Hier trifft die Sonne senkrecht auf die Erde und erwärmt die Luft besonders stark.“ Die Luft wird leichter, steigt auf und übt weniger Druck auf unter ihr liegende Luftschichten aus. Ein Tiefdruckgebiet entsteht. In großer Höhe fließt die Luft nun ab. Wenn sie auskühlt, beginnt sie zu sinken. Normalerweise geschieht das in den Subtropen, zwischen dem 20. und dem 40. Grad südlicher Breite (was uns auf der Nordhalbkugel nicht weiter zu interessieren braucht) und zwischen dem 20. und 40. Grad nördlicher Breite. Eben dort befinden sich viele der großen Wüsten, aber auch die Azoren. Absinkende Luft bedeutet aber, dass die Luft schwerer auf den Boden drückt, ein Hochdruckgebiet entsteht. Beim Absinken erwärmt sich die Luft, kann wieder mehr Wasser aufnehmen und löst so Wolken auf. Es kann nun vorkommen, dass dieses Hoch, das häufig über den Azoren herrscht, seine Ableger nach Mitteleuropa schickt oder sich sogar bis hierher ausbreitet. Im Sommer bedeutet das dann: klares Wetter mit viel Sonnenschein.

„Das Azorenhoch hat aber noch einen Gegenspieler“, sagt Drechsel, „das Islandtief. Es entsteht, weil im Bereich von Island warme Luft aus dem Süden auf kalte Polarluft trifft.“ Es bildet sich ein Wirbel. Dort, wo die warme Luft gegen die kalte drückt, entsteht eine Warmfront. So nennen es Meteorologen, wenn die warme, leichtere Luft auf die schwere, kalte gleitet und langsam nach oben steigt. Dort, wo die kalte Luft gegen die warme Luft drückt, bildet sich eine Kaltfront. Hier schiebt sich die kalte Luft unter die warme und hebt sie fast schon ruckartig nach oben. Diese Aufwärtsbewegungen aber lassen ein Tief entstehen. Dieses Tief saugt Luft an, wächst, dreht sich immer schneller und zieht nun Richtung Mitteleuropa. Die Warmfront bringt Niederschlag und anschließend eine kurze wärmere und recht trockene Phase, dann folgt die Kaltfront mit extremeren Ausschlägen: Regen, Hagel, Schnee, Sturm, Orkan.

Gewitter über dem Sellraintal.
Restwolken einer durchziehenden Kaltfront.

Ein Tief löst sich meist nach wenigen Tagen auf, wenn im Wirbel die schnellere Kaltfront die langsamere Warmfront eingeholt hat. „Azorenhoch und Islandtief bestimmen einen Großteil der Wetterlagen bei uns in Mitteleuropa“, sagt Susanne Drechsel. „Man sollte vielleicht noch sagen, dass sich Tiefs gegen den Uhrzeigersinn drehen und Hochs mit ihm. Das bedeutet, dass sich dazwischen eine Westwindzone befindet. Dehnt sich diese bis nach Mitteleuropa aus, bringt sie milde, feuchte Meeresluft heran. Sie sorgt im Sommer für Regen, im Winter eher für warme Temperaturen, es schneit dann nur hoch oben in den Bergen.“

Susanne Drechsel hat bei allen diesen Ausführungen kaum eine Pause eingelegt, als habe sie eine Möglichkeit gefunden, auch noch beim Einatmen zu sprechen. Sie lächelt entschuldigend, weil sie weiß, dass alle diese Wirbel, Kreisel, Rotationen beim Zuhörer Schwindelgefühle auslösen. Aber sie sagt auch: „Das war ohnehin schon eine fast sträflich grobe Vereinfachung.“ Susanne Drechsel hat sechs Jahre lang am Institut für Meteorologie in Innsbruck studiert und anschließend den Doktor gemacht. So ein Ausbildungsweg kommt wohl eher nicht infrage für die meisten Menschen, die einfach ein bisschen besser verstehen wollen, was am Himmel vor sich geht. Aber es gibt ja noch andere Möglichkeiten. Es gibt gute Seiten im Internet, die man mit ein bisschen Googeln problemlos findet. Es gibt gute Bücher (zum Beispiel „Bergwetter“ von Karl Gabl). Und es gibt tatsächlich gute TV-Sendungen.

Sebastian Weber ist 32 Jahre alt und Chefmeteorologe und Wettermoderator beim Fernsehsender Servus TV. Weber trägt Wuschelhaare, Dreitagebart und ein Permalächeln im Gesicht. An diesem Tag steht er auf einem Hügel im Stubaital und hat eine Schultafel dabei, auf die er mit Kreide malt. Weber strahlt in die Kamera und vibriert vor guter Laune und pädagogischem Eifer. Man würde sich auch nicht wundern, wenn er gleich einen Purzelbaum schlüge. Es herrscht Föhn an diesem Tag und Weber mag den Föhn. Denn er demonstriert, dass nicht nur die Großwetterlagen irgendwo über dem Atlantik eine wichtige Rolle spielen, sondern beispielsweise auch die Berge. An diesem Tag will Weber die „Föhnmauer“ erklären, eine imposante Wolkenwand. Es gibt sie nur am Alpenhauptkamm, immer dann, wenn der Föhn weht. „Dazu braucht es Südwind“, sagt Weber. „Der Föhn kommt vom Mittelmeer und der Wind nimmt viel feuchte Luft mit. Die trifft auf die Alpen und muss jetzt aufsteigen.“ Dabei bilden sich, man ahnt es schon, Wolken, die sich immer weiter auftürmen. Auf der Südseite herrscht jetzt schlechtes Wetter. „Sobald nun aber die feuchte Luft über den Alpenhauptkamm kommt, sinkt sie ab, in die Täler herunter“, sagt Weber. „Wenn aber Luft absinkt, lösen sich Wolken auf.“ Genau deswegen ist die Föhnmauer so scharf konturiert.
Weil die Föhnluft sehr trocken ist und Wolken auflöst, herrscht bei Föhn gute Sicht. Und weil die Luft durch das Herabsinken aus großen Höhen von 4.000 bis 5.000 Metern zusammengedrückt wird, erwärmt sie sich, deswegen herrschen bei Föhn meist sommerliche Temperaturen.
Von Schäfchenwolken und Föhnfischen spricht Sebastian Weber wie von putzigen Tieren, die er zu Hause hält. Gerne erklärt er auch, warum die Arlbergregion das Schneeloch Österreichs ist. „Der Arlberg ist das erste große Hindernis für die Luft, wenn sie von der Nordsee Richtung Süden strömt“, sagt Weber. Die Luft staut sich, steigt an, es bilden sich Wolken und es kommt zu Niederschlag. „Neun Meter Neuschnee pro Jahr sind am Arlberg keine Seltenheit“, sagt Weber. Er ist viel in Österreich unterwegs, muss auch mal für Selfies posieren oder Autogramme geben. „Das Wetter interessiert und betrifft doch jeden von uns, somit gibt es immer reichlich Fragen“, sagt Weber. Schon in den 90er-Jahren sprachen Journalisten von einem Wetterboom, der im deutschsprachigen Raum vor allem mit dem Namen Jörg Kachelmann verbunden war. Mit den Smartphones und den ersten Wetter-Apps vor etwa einem Jahrzehnt ist das Interesse am Wetter explodiert. Jeder iPhone-Nutzer kann heute auf Datenmengen zurückgreifen, von denen Wetterexperten vor fünf Jahren noch nicht einmal zu träumen wagten. Aber alle diese Informationen sind ja kein Selbstzweck. Gerade weil wir heute alles über das Wetter herausbekommen können, stellt sich die Frage: Was stellen wir an mit unserem Wetterwissen?
In Murnau sitzt Karl Gabl am Tisch vor dem Laptop und macht das, was er am liebsten macht. Mit der linken Hand hält er eine Tasse dampfenden Kaffee, mit der rechten scrollt er durch eine Tabelle, die aktuelle Windgeschwindigkeiten im Karakorum zeigt. Einige Stunden vor dem Gipfelsturm rufen ihn seine Bergsteiger ein letztes Mal über das Satellitentelefon an. Gabl hört das Fauchen des Windes, er hört den Reizhusten der Alpinisten, der von der Kälte und der Lufttrockenheit in extremen Höhen verursacht wird. Er weiß, dass die Bergsteiger mit seiner Hilfe nun eine Entscheidung auf Leben und Tod treffen.
Ein wenig Vorsicht und Vorbereitung kann auch dem normalen Bergsteiger und Ausflügler nicht schaden, findet Gabl. Man kann sich ein paar der großartigen Bergwetterseiten im Internet anschauen. Man kann den Wetterbericht lesen, nicht nur für das Gebiet, in dem man unterwegs ist, sondern auch für die angrenzenden Regionen, dann bekommt man einen besseren Überblick. Man kann sich auch von den Experten der ZAMG telefonisch beraten lassen, das kostet 2,17 Euro pro Minute und ist schnell erledigt. Gabl wundert sich, wenn er hört, dass Wanderer von einem Wettersturz überrascht worden seien: „Das ist Unsinn. Solche Überraschungen gibt es einfach nicht mehr.“

Gemischtes Wetter am großen Ahornboden im Karwendel.

Trotzdem ist Karl Gabl natürlich auch ein Abenteurer. Susanne Drechsel begeistert sich für naturwissenschaftliche Formeln und Gewissheiten. Sebastian Weber redet einfach gerne über das Wetter und will sein Wissen teilen. Karl Gabl hat sich schon als junger Mensch vor allem deswegen mit der Meteorologie beschäftigt, weil er wissen wollte, wann die besten Bedingungen herrschen, um in die Berge aufzubrechen. „Es ist absoluter Schwachsinn, wenn man am Dienstag beschließt, wegen eines Wolkensymbols für den Samstag am Wochenende ganz zu Hause zu bleiben“, sagt Gabl. Wenn die hochauflösende Wetterkarte zeigt, dass es im Tiroler Oberland regnet, kann man es ja immer noch im Unterland versuchen. An einen statistisch durchschnittlichen Regentag in den Nord- und Zentralalpen regnet es außerdem höchstens an 30 Prozent aller Tagesstunden. „Fast 16 Stunden eignen sich damit immer noch für eine Aktion im Freien“, sagt Gabl. Und natürlich sei es beinahe immer eine gute Idee, früh aufzubrechen und früh zurückzukehren, im Sommer ist das Gewitterrisiko am Nachmittag deutlich höher. Ganz abgesehen davon soll es ja auch Bergtouren geben, bei denen es völlig unproblematisch ist, kurz in den Regen zu kommen.

„Es geht nicht nur darum, immer mehr Fakten zu kennen“, sagt Karl Gabl und klappt den Computer zu. „Man muss auch lernen, diese Fakten realistisch einschätzen und einordnen zu können. Das lernt man nur mit Erfahrung.“ Im Grunde ist es mit der Meteorologie wie mit einer Bergexpedition. Man geht langsam voran. Man eignet sich ein wenig Grundwissen an, das ist das Basislager. Man kann natürlich auch noch weiter aufsteigen, die Aussicht ist dann noch besser. Am absoluten Gipfel der Erkenntnis wird man allerdings nie ankommen, dafür ist das Wetter einfach zu wild, zu facettenreich. Gabl schaut aus dem Fenster hinaus ins Voralpenland, ein paar Sonnenstrahlen kämpfen sich jetzt durch den Nebel, ein wolkenloser Himmel ist heute aber trotzdem nicht zu erwarten. Karl Gabl beschäftigt sich seit mehr als 50 Jahren mit Sonne und Regen, mit Schnee und mit Wind. Er sagt: „Langweilig wird mir nie. Kein Morgen ist wie der andere. An jedem Tag sieht es draußen ein klein bisschen anders aus.“  

Weitere Bergwetter-Tipps von Sebastian Weber

Wenn das Video nicht abgespielt wird, bitte hier klicken.