Zwischenbilanz

In Tirol gibt es nur zwei Jahreszeiten: Hauptsaison und Nebensaison. Und die bestimmen über Arbeit und Leben. Aber was genau machen die Tiroler in den ruhigen Monaten? Oder sind die womöglich gar nicht so ruhig?

PROTOKOLLE – GERO GÜNTHER
FOTOS – BERT HEINZLMEIER

JOHANN SCHÖNAUER, 55
Almer und Masseur, Schönangeralm und Kössen

„Wenn ich die Alm im Frühsommer aufsperre, weiß ich, dass jetzt wieder harte Arbeit auf mich zukommt. Dann hofft man, dass die Viecher und die Melker gesund bleiben. Da gibt es keine Familie und kein Privatleben, sondern nur Kas und wieder Kas, und dafür lebe ich dann. Von früh bis spät und bis zur Leistungsgrenze. Es ist unvorstellbar, was du hier jeden Tag an Gewicht bewegst. Manchmal haben wir ja 34 Tonnen Käse im Keller lagern. Die jungen Laibe müssen jeden zweiten Tag gedreht werden. 30 bis 32 Kilo schwer sind die. Auf der Alm lasse ich mir die Haare und den Bart stehen. Man fühlt sich dann stärker. Wenn ich mir im Herbst den Bart abrasiere, kenn ich mich erst mal selber nimmer. Ein radikaler Schnitt. Dann beginnt für mich eine andere Welt. Im Winter bin ich Masseur in einem noblen Wellnesshotel in Kössen. Früher, wenn ich von der Alm runterkam, hab ich mich im Hotel kaum getraut zu atmen, so sauber war es da. Eine ganz andere Sparte vom Leben. Aber mir taugt der Wechsel, ich liebe das.“

BIRGIT HAAS, 46
Kräuterbäuerin und Landwirtin, Hintersalcherhof, Auffach 

„Von Palmsonntag bis Karfreitag nehmen wir uns eine Auszeit. Da schleichen wir uns mal mit der ganzen Familie davon. Aber danach geht die Arbeit wieder los. Unsere Kutschpferde müssen nach den Ausflugsfahrten im Winter runtertrainiert werden. Dann machen wir Holz, das zum Trocknen gestapelt wird. Wir brauchen auf dem Hof unheimlich viel davon. Zum Schnapsbrennen, zum Heizen und zum Trocknen der Kräuter. Von Mitte April bis Oktober gibt es keinen Tag, an dem man nicht im Garten arbeiten muss. Wenn es im Garten wieder ruhiger wird, brennen wir unseren Krautinger-Schnaps und der Hofladen muss wieder gefüllt werden. Richtig ruhig wird es bei uns eigentlich nie.“

MARIE LARCHER, 10
Schülerin, Pension Köhler, Jerzens

„Meine Mama, meine Schwester und ich wohnen im Erdgeschoss, neben dem Café. Ich glaub, wir haben zehn Zimmer in der Pension, wenn ich mich jetzt nicht verzählt habe. Im Sommer und im Winter ist das Haus meistens voll. Ich mag schon sehr gern die Zeit, wenn die Gäste weg sind und ich wieder mehr von meiner Mama hab. Aber eigentlich find ich es auch gut, wenn Leute im Haus sind. Leiser sein muss ich wegen denen nicht, ich bin eh ziemlich ruhig. Unter den Stammgästen habe ich viele Freundinnen, besonders die Elena. Die spielt dann fast den ganzen Urlaub mit mir unten. Manchmal helfe ich der Mama hinter der Bar.“

SONJA SEISL, 35
Wanderführerin und Skilehrerin, Wildschönau

„Wenn im Frühjahr das frische Grün zurückkehrt, wirst du wieder munterer. Jeder hat dann Energie, alle wollen rausgehen. Die Temperaturen sind im Frühling fein zum Wandern. Es sprießen viele essbare Pflanzen, die Fichtenwipfel beispielsweise. Beim Kräutersammeln kann ich am besten abschalten. Dafür bleibt in der Zwischensaison viel mehr Zeit als im Sommer oder im Winter. Ab Mai kann man in der Wildschönau wieder wandern. Dann laufen die Gondeln noch nicht, man geht von ganz unten los und hat es natürlich viel ruhiger. Besonders schön ist es auch nach der Sommersaison. Viele Stammgäste kommen ganz gezielt in der stilleren Zeit. Der Herbst ist im Gebirge sehr stimmungsvoll. Die Sonne steht dann tiefer, die Berge rücken näher, es gibt viele goldene Stunden mit herrlicher Aussicht und klarer Luft.“

CHRISTIAN KIRCHEBNER, 49
Pistenchef, Hochzeiger, Pitztal

„Ich bin seit 1986 im Betrieb und hab schnell gelernt, dass eine Piste nicht nur im Winter Pflege braucht. Nach der Skisaison räumen unsere Trupps erst mal den Müll weg. Dann müssen Flurschäden beseitigt werden, die Nachbegrünung muss passen. Wir wollen, dass das alles auch im Sommer schön aussieht. Schließlich haben wir ja auch Kühe und Jungvieh auf den Wiesen. Im Sommer und im Herbst stehen Pistenrevisionen an, manchmal auch Korrekturen hinsichtlich der Beschneiung. Im Herbst werden die Pistenbullys gewartet. Jedes Fahrzeug wird dabei komplett auseinandergenommen. Das sind pro Bully 150 bis 200 Stunden Arbeitsaufwand. Bei einem Wert von 470.000 Euro ist der Aufwand verständlich. Dann transportieren wir die Schneekanonen mit Lkw und Hubschrauber ins Gelände. Pistenchef ist eine abwechslungsreiche Arbeit, nicht nur im Winter.“

RAINER SILBERBERGER, 50 UND USCHI SILBERBERGER, 49
Hoteliers im Landhaus Marchfeld, Oberau, Wildschönau

„Wir sind ein Zweimannbetrieb, ich führe das Hotel zusammen mit meiner Frau. Von Mitte Mai bis Mitte Oktober haben wir keinen einzigen freien Tag. Da stehst du täglich um Viertel vor sechs auf und arbeitest sieben Tage die Woche. Wir haben zwar nur 20 Betten, aber wir machen alles selbst. Ohne Zimmermädchen oder andere Hilfe. Und allein schon das Blumengießen dauert seine Zeit. Unsere Wintersaison hat 110 Tage, da ist es noch ärger und kompakter als im Sommer. Krank werden darfst du da nicht. Sobald wir keine Gäste mehr haben, genießen wir die Zeit natürlich auch mal für uns. Ganz privat. Dann fahren wir mit den Motorrädern an einen See oder mit dem Cabrio nach München, Salzburg oder auch mal nach Italien. Immer nur für ein paar Tage. Es gibt ja auch in der Zwischensaison viel zu tun.“

GERLINDE SCHEIBLER, 72

Mitarbeiterin im Notburga-Museum, Eben am Achensee

„Wir sind eine Gruppe von zwanzig Damen, vier von uns kümmern sich um die Notburga-Kerzen. Die Museumsbesucher kaufen sie als Andenken oder als Geschenk. Die stille Zeit nach der Saison nutzen wir, um unseren Kerzenvorrat wieder zu füllen. Wir gießen sie selber und ziehen den Docht ein. Ich bemale meine Kerzen zu Hause, das beruhigt und entspannt mich. Am liebsten sind mir Pastellfarben, und zwei Röslein tupfe ich der Notburga immer aufs Kleid. Während des Museumsbetriebs sind wir meistens mit Führungen beschäftigt. Die Gäste mögen es, wenn es nicht auswendig gelernt klingt. Mir fällt das nicht schwer, ich bin begeistert von der Notburga. Sie hat sich für die arme Landbevölkerung eingesetzt. Als einfache Frau vor 600 Jahren, als Frauen noch nichts zu sagen hatten.“

MATTHIAS BALTAUF, 22
Student, Skilehrer, Wattens

„Als ich zum ersten Mal als Skilehrer gearbeitet habe, war ich noch Schüler. Ich bin jedes Jahr wieder angefragt worden, und mir ist das sehr recht: Es ist eine feine, abwechslungsreiche Arbeit. In der Skischule im Pitztal geht es ganz familiär zu. Wir wohnen zusammen in Ferienwohnungen wie in einer WG. Man hockt am Abend zusammen, das wird nie fad. Als Philosophie- und Komparatistikstudent muss man viel lesen. Ich habe natürlich meine Lektüre dabei und muss auch Seminararbeiten schreiben. Jedenfalls probiere ich es. Das ist schon hart. Aber mein Studium leidet nicht. Es ist auch irgendwie schön, wenn man sich durch einen Hegel beißt und am nächsten Tag wieder Spaß hat mit den Skischülern. Was man braucht, sind Gelassenheit und Erfahrung. Von außen betrachtet ist der Skizirkus ein ziemlich spezielles Phänomen. Da kommt man schon auch ins Grübeln. Immanuel Kant hätte die Vereinnahmung der Berge sicher nicht so cool gefunden. Mit Erhabenheit hat das nicht mehr viel zu tun.“

SINA HÖLSCHER, 38 
Naturpark-Rangerin, Sistrans, Innsbruck

„Bis Ende Oktober bieten wir Ranger Führungen und Wanderungen an. Danach wird es ruhiger und wir kümmern uns um unsere Erhebungen. Wie hoch sind die Populationen einzelner Tierarten? Wo halten sich Touristen auf? Außerdem führen wir Gespräche mit Vertretern aus dem Tourismus, mit Almern, Hüttenwirten, Bauern, Förstern und Jägern. Unser Ansatz ist ein integrativer Naturschutz, wir arbeiten gemeinsam an Projekten. Heute liegen weniger Konservendosen herum, dafür wird die Freizeitnutzung immer intensiver. Menschen fahren in der Dämmerung und nachts Mountainbike, dringen mit ihren Skiern an immer entlegenere Orte vor. Da versuchen wir einzuwirken. Auf die einzelnen Sportler, aber auch auf Verbände und Guides. Wir müssen die Wildnis auch mal ruhen lassen. Für mich ist das auch privat wichtig. Mich zurückzunehmen. Mir kommt es deshalb entgegen, dass ich im Herbst und im Winter Überstunden abbauen kann und dann nur noch Teilzeit arbeite.“